Esbjörn Svensson Trio: Leucocyte (2008)

Das ist also das Vermächtnis der vielleicht geachtetsten Jazz-Formation der letzten Jahre. Die Schweden Dan Berglund (Bass), Magnus Öström (Schlagzeug) und natürlich der Großmeister selbst, Esbjörn Svensson (Klavier) machten gegen 1999 mit From Gagarin’s Point of View international auf sich aufmerksam, als sie klassischen Trio-Jazz mit modernen und poppigen Tönen kombinierten, ohne dabei in den Mainstream abzurutschen. Leichtgängig und doch experimentell, diesen Spagat haben sich die drei Herren bis zum Schluss bewahrt.

Genau so eröffnet auch das kurze Intro „Decade“ mit leichten, nachdenklichen Klaviersprengseln diese Platte, die dann mit „Premonition I: Earth“ in einen wahnsinnig spacigen Bass-Groove verfällt, der, mit leicht effektverzerrten Tastenklimpern unterlegt, den Hörer mal wieder auf die Internationale Jazzraumstation versetzt – so wie einst Gagarin. Beschwörend ist das Wort, das mir dazu einfällt, und ich komme nicht umhin, an die seeligen Zeiten zu denken, an der ich nach durchzechter Nacht vor der Glotze saß und mich der SpaceNight hingegeben habe. Ich sehe förmlich den Erdball sich unter mir drehen, während Keith Esbjörn zu seinen Klavierimprovisationen singt – was mich zugegebenermaßen nervt, aber irgendwie klingt es auch, als habe nur jemand das Klavier noch viel mehr verzerrt und mit leichtem Delay obendraufgelegt.

Das ist es: diese Platte nervt, aber sie fasziniert gleichzeitig. Das Ende von „Earth“ mit seinen knallenden Schlagzeugwirbeln (Jimi Hendrix‘ „Machine Gun“ lässt grüßen) wiederholt sich ewig, bald 4 Minuten lang, aber variiert doch genug, um nicht zu langeweilen. Es ist definitiv laut genug um zu nerven, aber es ist einfach zu krass für eine Jazz-Platte, von der man schönste Triomusik erwartet hat, um nicht doch zu gefallen. Mit „Premonition II: Contorted“ geht es dann wieder in ruhigere Fahrwasser. Die Effekte bleiben, das Schlagzeug nimmt sich zurück, das ganze ist eher ein beschwichtigender Ausklang, damit man sich von ersten Teil erholen kann.

Wir bekommen ein Stück echten „Jazz“, bevor dann „Still“ wieder akustisch an das Gewesene anknüpft. Das blubberig verzerrte Klavier, reduziert-loopige Drums, Berglund streicht wohl auf seinem Bass, oder spielt er jetzt E-Gitarre? Das ganze plätschert ein bisschen dahin, wie der verbindende zweite Teil einer Trilogie. Mit „Ajar“ werden die Schweden dann noch mal eine gute Minute lang versöhnlich (die unexperimentellen Hörer sollen vollständig enttäuscht werden), bevor es auf zum Endgegner geht.

„Leucocyte“ heisst die vierteilige und 27-minütige Abschluss-Suite, und wenn ich nicht wüsste, das Herr Svensson beim Tauchen verunglückt ist, würde ich schwören, dass er hier seinen Kampf gegen Leukämie ausficht. Rauh, schon wieder verzerrt (jetzt aber richtig!), hämmernd, orientierungslos geht die erste Runde „Ab Initio“ aus, gefolgt von einer Schweigeminute mit dem Titel „Ad Interim“. Es folgt die Reise ins Jenseits: das 12-minütige „Ad Mortem“ hätte auch von The Future Sound of London stammen können. Läge nicht irgendwo ein Klavier unter den zähen Schrägheiten, dann hätte ich auf analoge Klangerzeuger getippt. Brutal organisch das Ganze, gegen später dann hymnisch, der Einzug ins Himmelreich. Das Finale „Ad Infinitum“ ist nur noch ein Aus- und Wiederklang und Hinterlässt den Ersthörer mit einem großen Fragezeichen, den Wiederhörer aber mit ein wenig Trauer, dass es nun wirklich und endgültig vorbei ist, das Esbjörn Svensson Trio. Eine Wahnsinnsplatte!