Wenn Weg und Ziel zusammenfallen

„Können wir das schaffen?“
„Ja, wir schaffen das!“
Bob, der Baumeister

Ob Bob schon mal den Grand Canyon runter- und wieder rauf gewandert ist? Seinen Optimismus hätten wir einige Male gut gebrauchen können. Das Problem am Canyon ist, dass man alles, was man runter trägt, auch wieder hinauftragen muss. Zelt. Schlafsack. Stativ. Spiegelreflexkamera. Vor allem aber sich selbst. Anders als bei der durchschnittlichen Alpenwanderung, wo man zuerst rauf wandert, und sich dann, wenn man halbwegs müde ist, wieder runter rollen lässt, kommt beim Grand Canyon der anstrengende Teil zum Schluss.

Etwa eine Stunde vor Ende des Abstiegs dachten wir dummerweise bereits, dass wir noch nicht mal den schaffen werden. Das ließ Raum für Optimismus für den nächsten Tag… aber die Aussicht bis dahin war natürlich einzigartig.

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Im Grand Canyon haben wir ständig Aussichten, die aussehen wie ein Desktop-Hintergrundbild auf dem Computer. Und dann laufen wir hinein und werden belohnt mit noch mehr grandioser Landschaft. Mal ist der Felsen gelblich-weiß, dann kommen wir in die nächste Gesteinsschicht und alles färbt sich rot. Mal stehen grüne Bäume an plätschernden Bächen, mal sieht es so karg aus wie auf dem Mond. Die Temperatur steigt von entspannten 25 Grad am Rand bis auf 40 Grad am Grund. Das einzige, was uns den ganzen Weg über begleitet, sind graue Eichhörnchen, die auch gerne in Rucksäcke reinkriechen oder halbe Äpfel von unachtsamen Wanderern erbeuten.

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Bis zur Hälfte der 1350 Höhenmetern umfassenden und rund 14 Kilometer langen Wanderung kommen in regelmäßigem Abstand von 2,5 Kilometern Schutzhütten die über den einzig nötigen Komfort verfügen, den wir hier brauchen: einen Wasserhahn. An der Mittelstation „Indian Gardens“, einer kleinen Oase auf dem sonnenbeschienen Pfad, lächeln wir noch über diesen Hinweis:

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Das Lächeln vergeht uns bald, so richtig aber, als unser Aufstieg mit dem „Devil’s Corkscrew“, einem steilen und steinigen Zickzackweg beginnt. Wir haben noch wackelige Beine vom Abstieg und eine unruhige Nacht im Zelt bei knapp unter 40 Grad hinter uns. Und es ist noch nicht einmal 8 Uhr morgens, der Tag wird noch lang. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es unmöglich schaffen können.

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Ganz langsam, Schritt für Schritt, und mit vielen Litern Wasser, sowohl getrunkenen als auch über den Kopf gegossenen, kämpfen wir uns nach oben. Immer wieder motiviert derjenige mit der besseren Laune den anderen. Zwölf Stunden sind wir unterwegs, davon vier Stunden Pause. Die schönsten Momente sind die, wo die Sonne hinter Wolken verschwindet. Danach kommen die Pfade, die nur glatt bergauf gehen und nicht wie eine Treppe erklommen werden müssen. Und dann der Wasserhahn, der das lauwarme gegen kaltes Wasser tauscht.

Irgendwann erscheint der Rand gar nicht mehr so weit weg. Und die letzte Etappe ist zum Glück auch nicht die Übelste. Ein paar Meter vor der letzten Treppe treffen wir auf eine Gruppe Motorradfahrer mittleren Alters, die ein paar Meter unterm Rand mit Wein in Plastikbechern den Ausblick in der Abendsonne genießt. Sie sitzen da wie ein Empfangskomitee, und genau so begrüßen und ehren sie uns auch. Wir sind mit der Welt versöhnt.

Würde ich es wieder tun? Ja, vielleicht, aber dann anders, nicht an einem Tag runter und am nächsten wieder rauf, sondern mit Zwischenstops; in Indian Garden kann man auch übernachten. Und möglichst mit weniger Gepäck – ich hatte wahrscheinlich 12 oder 14 Kilo auf dem Buckel. Aber ich würde diesen Trip jedem empfehlen, der ihn sich zutraut. Es ist ein einmaliges Erlebnis.