Vier Churros für ein Hallelujah

„San Diego… was a mistake!“
The Eternal Afflict (1992)

Lange Jahre war diese Refrainzeile einer weitgehend unbekannten Dark-Wave-Band das einzige, was mich mit San Diego verband. Damals, Anfang der 90er, brachten die ersten Töne dieses Songs einen Pulk schwarz gewandeter Gestalten aus den Ecken unserer Kleinstadtdisco hervor, die dann zu unserer Belustigung ihren charakteristischen Drei-Schritte-vor, Drei-Schritte-zurück-Tanz aufführten. Wir sprangen lieber wild zu Pearl Jam und Soundgarden durch den Felsenkeller.

Nach San Diego zu kommen war kein Fehler. Nach dem nicht nur in den Seitenstraßen abgenutzten und stinkenden L.A. ist diese saubere und aufgeräumte Stadt eine Wohltat für den Kehrwocheschwaben in mir. Ich weiß nicht, ob „The Big SD“ einfach wohlhabender ist, oder ob es am Drill der U.S. Navy liegt, deren Pazifikflotte im natürlichen Tiefwasserhafen der San Diego Bay beheimatet ist.

So richtige Touristenattraktionen gibt es auch hier nicht, aber dafür hält sich die Touristenquote und das Angebot an Nippes in akzeptablen Grenzen. Die im Stil der 1880er wiederhergestellte Old Town wirkt auf mich eher wie ein kleiner Freizeitpark, als wie ein historischer Stadtkern. Und das Restaurantparadies Gaslamp Quarter ist schön zum Weggehen, aber keine Sehenswürdigkeit. Dafür bietet die Stadt unsere kulinarischen Lieblinge: Bruegger’s Bagels, Gordon Biersch („deutsches“ Bier und Weltklasse-Burger) und Churros (frittierte gezuckerte Teigstangen).


Und für US-Präsidenten wie auch für Touristen gilt: „The Navy won’t let you down!“ Im Hafen von San Diego hat man den 1945 getauften und 1992 ausgemusterten Flugzeugträger USS Midway (CV-41) geparkt und in ein Museum verwandelt. Wir brauchen fast einen ganzen Tag, um über die gigantischen Decks, durch die verwinkelten Gänge und in die engen Kajüten zu finden und uns die über 60 Stationen einer wirklich gelungenen Audiotour anzuhören. Von der Brücke über die Admiralskabine bis zum Machinenraum und der Kombüse gibt es interessante Fakten und Veteranenanekdoten zu hören. Echte Veteranen erklären auf dem Flugdeck lebhaft, wie man unter Gefechtsbedingungen alle 45 Sekunden einen Jet starten lässt. Die echten Millionen-Dollar-Jets stehen natürlich auch als Deko zum Anfassen da.

image

Aber was ist schon ein Flugzeugträger… Als die Crew des Raumschiffs Enterprise in Star Trek IV in das Jahr 1984 zurückversetzt wurde und der Steuermann Mr. Chekov auf der Suche nach Treibstoff mitten im kalten Krieg mit deutlich russischem Akzent fragte „Wo liegen amerikanische nukleargetriebene Flugzeugträger?“, da hätte er in San Diego leicht Antwort erhalten: dort drüben. Am gegenüberliegenden Ufer liegt nämlich die noch im aktiven Dienst stehende USS Carl Vinson (CVN-70), von der im Mai der tote Osama Bin Laden über Bord geworfen wurde. Und während wir die vom Deck der Midway aus betrachten kreuzt mal kurz die 250 Meter lange USS Makin Island (LHD 9) das Bild und schippert majestätisch unter der nicht ohne Grund enorm hoch gebauten Hafenbrücke durch. Drei zum Preis von einem…

„Who’s face is that on your T-shirt?“ fragt mich eine Frau an einem der vielen Navy-Drenkmäler rund um den Hafen. Ich setze zur Bildungsoffensive über das europäische Kino der 70er und 80er an: „He is an Italian actor called Bud Spencer…“, aber sie unterbricht mich schnell: „Oh, I thought it was Jesus!“ Den Fehler haben einige Leute in Schwäbisch-Gmünd unlängst auch gemacht.

Aber: San Diego was NOT a mistake.