The Grand Finale

Long winding road, where will you lead me?
As far west as man can go before he starts heading east…
San Francisco – but where from there?

Pendragon: The Voyager (1991)

Das ist also San Francisco. Wofür steht diese Stadt eigentlich? Das Goldene Tor in den endlosen Westen, mit der Golden Gate Bridge als meistfotografierter Brücke der Welt? Die späte Beat Generation der 50er? Die Hippie-Kultur und der Summer of Love 1967? Bullit, Dirty Harry und Verfolgungsjagden auf steilen Straßen? Alcatraz? Die zweitdichtbesiedeldste Stadt Nordamerikas mit beschaulichen viktorianischen Häuschen und Wolkenkratzern? Offene grüne Parks und Strandpromenaden? Ich kann mich in einer Woche San Francisco gar nicht entscheiden, was mir am besten gefällt. Ich bin leicht erschlagen von der Vielfalt, und auch ein bisschen müde von der langen Reise. Ich würde die Stadt gerne mal in Ruhe und mit der Möglichkeit erkunden, dem Touristenstrom zu entgehen und spannende Ecken abseits zu entdecken.

Nach der Woche Yosemite und noch zwei kleinen Abstechern an die (von Touristen mal abgesehen) einsame und extrem malerische Küste des Big Sur sowie das vom Weinbau geprägte Napa Valley ist die Freude auf hektisches Stadtleben groß. Die volle Kelle gibt’s dann auch gleich beim Wegbringen des Mietautos. Ich hatte damals Angst vor dem Straßenverkehr von Manhattan, aber der ist ein Klacks gegen die verworrenen und verqueren Einbahnstraßen von San Francisco! Und weil unser Autoverleih schon geschlossen hat müssen wir einige Male hin- und hergurken, bis wir einen passenden Parkplatz für schlappe 20 Dollar pro Nacht gefunden haben. Ich bin ehrlich froh, als ich den Autoschlüssel abgeben und wieder mit dem Bus fahren kann.

Unsere Gutwetterglückssträhne setzt sich nach kurzer Unterbrechung fort. Die Einheimischen versichern uns, dass es die wärmste Woche des Jahres ist, und die Probleme anderer Reisender, die die Golden Gate Bridge nie ohne Nebel gesehen haben, können wir nicht nachvollziehen: strahlend blauer Himmel, angenehme Wärme um die 24 Grad, kein Nebel weit und breit. Nach zwei Besuchen direkt an der Brücke schieben wir den Panorama-Blick über die Bay dann bis zum Ende der Woche raus. Bis dahin hat es sich leicht abgekühlt, und als ich mein Stativ am Pier des Golden Gate Yacht Club aufstellen will ist gar keine Brücke mehr da! Ok, jetzt habe ich das mit dem Nebel auch verstanden.

Aber unsere Besuche an anderen Touristenattraktionen bleiben wolkenlos. Die Seelöwenkolonie am Pier 39 sonnt sich fast regungslos die Bäuche; nur wenn sich ab und zu ein Frechdachs einen besseren Platz erdrängeln will bellen die Platzlöwen empört. Das ehemalige Hippie-Viertel Haight Ashbury ist in der Vormittagssonne ziemlich regungslos – vermutlich schlafen die Hippies noch. Bei gutem Wetter stehen wir gerne in der langen Schlange, die auf ihren Einstieg in die Cable Car wartet. Chinatown bei Sonnenschein macht den Geruch von getrocknetem Fisch und allerlei Gewürzen auch für mich erträglich.

Auch der Ausflug auf die ehemalige Festung und spätere Gefängnisinsel Alcatraz ähnelt eher einem Tag auf der Insel als einem Tag im Knast. Das Gefängnis ist schon seit 1963 nicht mehr in Betrieb und für Besichtigungen gut ausgebaut. Eine mal wieder gelungen Audiotour mit Zeitzeugenkommentaren von ehemaligen Häftlingen und Wärtern bringt uns das Gefängnisleben näher. Historisch gesehen war die Zeit der Insel als Staatsgefängnis mit 29 Jahren die kürzeste, durch die namhaften Insassen wie Al Capone aber auch die bekannteste. Die Aussicht auf San Francisco, die Bucht und die Golden Gate Bridge ist einmalig, die Gefängnisinsassen hatten davon allerdings nichts.

Ein Stück Heimat in der Fremde: Wir treffen Lars, Alex und Sebastian – drei MI-Studenten, die gerade in San Francisco bzw. Palo Alto ihr Praxissemester machen. Ja, ich nehme meine Arbeit sehr ernst und betreue unsere Studenten auch über weite Entfernung hinweg! Ob ich das nachträgich noch als Dienstreise verbuchen kann…? :) An diesem Abend betreuen wir uns aber eher gegenseitig. Wir können ein paar Tips für Ausflugstouren ins Inland geben, die Jungs hingegen statten uns mit Vor-Ort-Infos aus. Und erzählen uns vom Baseball. Wir haben auch schon Karten für ein Spiel: Oakland Athletics vs. Texas Rangers. Oakland liegt gerade gegenüber auf der anderen Seite der Bucht.

Da Baseball-Spiele keine Zeitbegrenzung haben und lange dauern können statten wir uns für ein kleines Picknick aus, und im Fanshop mit den Mannschaftsfarben. Go, Athletics, Go! Dummerweise sind die Athletics, oder, wie sie hier genannt werden, The A’s, die größte Gurkentruppe seit den Indianern von Cleveland. Texas schlägt sie locker mit 7 zu 2 Runs. Die meiste Zeit ist weder ein Ball in der Luft noch ein Läufer auf dem Base. Die Ränge im Stadion sind dünn besetzt. Es ist auch schon das Ende der Saison, erfahren wir später, da sind alle etwas müde. Trotzdem macht es Spaß, sich das Spiel anzugucken, und wir werden Baseball weiter im Auge behalten. Passend zum Thema schauen wir am Ende des Urlaubs auch noch den neuen Brad-Pitt-Film „Moneyball“ im Kino an, der sich mit der (wahren) Strategie des Managements der A’s beschäftigt, durch statistische Analysen und gegen alle Baseballtraditionen Spieler zu finden, die keine hohe Popularität und daher keinen hohen Marktpreis, aber trotzdem einen hohen Spielwert haben, und so kostengünstig eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen. Im Jahr 2011 ist ihnen das aber wohl nicht so gut gelungen.

Als kulturelles Highlight schauen wir uns noch den Weltklasse-Jazzsaxophonisten Branford Marsalis mit seinem Quartet in Yoshi’s Jazzclub an. Clubkonzerte sind echt cool: wir zahlen 20 Dollar Eintritt, sitzen drei Meter von der Bühne entfernt, und bekommen 75 Minuten Jazz vom Feinsten auf die Ohren – mehr wäre auch gar nicht nötig. Schade, dass es diese Tradition Konzerte zu spielen in Deutschland zumindest für namhafte Künstler nicht gibt. Die Atmosphäre ist fast familiär, das Publikum eher gestandenen Alters, aber von leger bis elegeant ist alles dabei. Vorher genießen wir noch ein exzellentes Essen in Yoshi’s japanischem Restaurant. Ein rundum hochwertiger Abend.

Genau wie der ganze Urlaub: rundum spektakulär. Nun sind die fünfeinhalb Wochen rum. Ein bisschen schade ist es schon, dass wir wieder aufbrechen müssen. Die letzte Woche im Green Tortoise Hostel, dem coolsten Hostel in San Francisco, war schön. Trotzdem freue ich wieder auf einen festen Wohnsitz. Und meine 3600 Fotos werden mir noch lange schöne Erinnerungen bescheren.