Auf den Spuren von John und Ansel

How many mouths Nature has to fill,
how many neighbors we have,
how little we know about them,
and how seldom we get in each other’s way!

John Muir: My first summer in the Sierra (1869)

Eine Woche verbringen wir im Yosemite National Park. Schon seit Wochen ist in mir eine große Vorfreude gewachsen, und in den letzten Tagen, die entweder von Beton- oder von echten Wüsten geprägt waren, habe ich mich umso mehr auf weite grüne Wiesen, üppige Wälder, wilde Bachläufe und gigantische Felsmassive gefreut. Ich hatte Lust darauf, auf den Spuren von John Muir und Ansel Adams zu wandern.

Beide haben den Yosemite Nationalpark auf ihre Weise mit geprägt. Muir, der als einer der ersten amerikanischen Umweltaktivisten gilt, hat im späten 19. Jahrhundert selbst die Schönheit von Yosemite zu Fuß erkundet, um sich dann für deren Schutz in Form eines Nationalparks einzusetzen, und zwar durch Aufsätze und Bücher, die Gründung des Sierra Club, und nicht zuletzt dadurch, dass er mit dem Präsidenten im Yosemite Valley gewandert ist. Adams hat ein halbes Jahrhundert später die Schönheit durch seine berühmten Fotografien eingefangen und so den Park noch bekannter gemacht – wohlgemerkt in schwarz/weiß, was allerdings keine Einschränkung war, gilt Adams doch noch heute als Meister der Landschaftsfotografie.

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In den Fußstapfen dieser beiden Meister zu wandern erwies sich als nicht so einfach, und das nicht nur, weil sie ein paar Nummern größer sind als meine. Nach Wochen mit strahlend blauem Himmel und Sonne auch dann, wenn wir sie nicht gebrauchen konnten, begrüßte uns Yosemite auf unserer ersten Wanderung von den Tuolomne Meadows (sprich: TWO-lom-nie) zu den angeblich malerischen Cathedral Lakes mit dunklen Wolken, mit Donnergrollen über dem Cathedral Peak, und schließlich mit Regen. Laut Wetterbericht betrug die Regenwahrscheinlichkeit 30 Prozent, Tendenz über die kommende Woche steigend, mit ständiger Chance auf Gewitter. Genau so kam es dann auch, jeden Tag mindestens ein Mal Regen.

„Yosemite is so beautiful in the rain!“ Das mag ein Parkeranger finden, der sich Abends in eine feste und beheizte Behausung zurückzieht (obwohl die Jungs einen ziemlich wetterfesten Eindruck machen). In unserem geliehenen Zelt hatten wir bei nächtlichen Temperaturen unter 10 Grad leichte Startschwierigkeiten mit dieser schönen Seite des Parks. Und doch – wenn der Regen nachlässt und dicke Nebelschwaden aus den Wäldern die Granithänge des mächtigen El Capitan hochziehen, und wenn die letzten Strahlen der Abendsonne den verhangenen Half Dome in goldenes Licht tauchen, dann erschließt sich auch uns, was John Muir jederzeit, Amsel Adams jedoch eher bei gutem Wetter hergezogen hat.

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Auch die Mammutbäume des Mariposa Grove machen sich gut im Sonnenschein, wenn ihre dicke Borke rotbraun leuchtet, wie auch bei Regen, wenn sie wie einsame Riesen unbeeindruckt die Jahreszeiten an sich vorbeiziehen lassen. Zu den Jahreszeiten gehört auch alle paar Jahre ein Waldbrand, der die umliegenden Büsche und kleineren Bäume verschlingt und so den Baumhirten Luft und Licht und Dünger zum Wachsen und Vermehren verschafft. Verkohlte Rinde an der Basis der Sequoias zeugt von diesen natürlichen Vorgängen, einzelne Bäume sind sogar innen teilweise ausgebrannt und stehen nur noch auf dem äußeren Rand, der ohnehin der Teil ist, der Wasser und Nährstoffe bis zu 120 Meter nach oben transportiert.

Die Campingplätze im Nationalpark bieten nicht die Vollausstattung, die man sonst gewöhnt ist. Generell hat man im Park Glück, wenn eine Toilette über Wasserspülung verfügt. Ansonsten ist es einfach ein Loch im Boden mit anatomisch geformten Sitz. Die Campingplätze haben fließendes Wasser, aber das kommt meistens direkt aus irgendeinem Bachlauf und hat entsprechend Bergquelltemperatur. Duschen gibt es generell keine – für mich als Warmduscher wäre das auch nichts. Dafür kann man im touristischen Zentrum „Yosemite Village“ duschen, und zwar für schlappe fünf Dollar. Krass überteuert, aber nach drei Tagen ohne Dusche die beste Investition seit langem :)

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An einem weiteren Regentag schreiben wir Postkarten und holen uns unsere „Wildernis Permit“ – die Lizenz zum Wildcampen. Wir mussten vorher schon genau angeben, auf welchem Pfad wir loswandern, unser Zelt aufschlagen, und wieder zurückkehren werden. Von zu Hause und ohne Ortskenntnis war das leicht geplant: hier ein bisschen am Fluss entlang, da mal einen Wasserfall anschauen, eine gute Aussicht über das ganze Tal soll es vom Glacier Point geben… Vor Ort, bei dem Wetter und nach unserer Grand-Canyon-Erfahrung bekommen wir jetzt doch etwas Muffensausen. Zwei Drittel Grand Canyon müssen wir immerhin noch mal erklimmen. Das schafft ihr schon, meint der Ranger. Und es ist ja auch nicht so heiß, wie im Canyon. Nein, denken wir uns, wahrscheinlich ist es sogar nass. Aber wir sind trotzdem entschlossen – mehr oder weniger.

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Am Tag der Wahrheit dann die erste Erleichterung: kein Regen, und ohne die sengende Sonne ist es wirklich nicht so anstrengend. Obwohl die Kletterei auf 700 Granitstufen entlang der Wasserfälle teilweise deutlich steiler ist als im Grand Canyon. Aber jede Stufe ist vergessen beim Anblick des Vernal Fall und des Nevada Fall, die laut brausend ihr Wasser über den Fels spucken. Wie mag das erst im Frühjahr sein, wenn der Merced River Hochwasser führt? Die Aussicht von oben ist nochbeeindruckender, reißender Wasserfall mit Blick über das Tal. Unbezahlbar!

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Wir laufen weiter auf dem Panorama-Trail, der seinen Namen auch verdient hat und die ganze Zeit einen Überblick über das sonnenbeschienene Yosemite Valley, die Wasserfälle und natürlich den stets präsenten Half Dome bietet. Nach einigen Auf- und Abstiegen und einer Begegnung mit einem Schwarzbär, der in 30 Meter Entfernung entspannt unseren Weg kreuzt, finden wir schließlich in Flussnähe einen Platz zum Zelten. Alles Essen und sonstige gutriechende Accessoires sind im Bear Canister, einem bärensicheren Behälter verstaut und ein guter Entfernung vom Zelt deponiert. Obwohl wir wissen, dass die Bären Angst vor Menschen haben und nur auf menschliche Nahrung aus sind, sind wir vorm Einschlafen etwas nervös. Zu gut wird einem im Park der Respekt vor der Spürnase der Bären eingebleut.

Dabei erweist sich die Angst als um unbegründet. Das einzige wilde Tier, das wir außer den zahlreichen Eichhörnchen und Salamandern und Vögeln sehen, ist ein Reh, dass in der Morgensonne den Ilillouette River ganz nah bei unserem Zeltplatz kreuzt.

Morgenstund hat Gold im Mund, und so gehen wir den letzten Aufstieg zum Glacier Point an. Zwei Stunden geht es stetig bergauf, bis wir am von Touristen belagerten Aussichtspunkt ankommen. Sie sind mit dem Bus gekommen und werfen uns angesichts unserer großen Wanderrucksäcke respektvolle Blicke zu. Mit manchen kommen wir ins Gespräch, vor allem Damen mittleren Alters sind immer sehr freundlich, heißen uns herzlich in ihrem Land willkommen, und beneiden uns um die abenteuerliche Wanderung. Wir beneiden Sie um den Bus.

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Nach einer guten Rast und vielen Ansel-Adams-Gedenk-Fotos geht es nur noch 4,8 Meilen auf sonnigem Pfad steil bergab zurück ins Tal. Recht erschöpft erreichen wir knapp drei Stunden späterser Auto, und just in dem Moment bricht ein Gewitter los. Einige Straßen im Tal überfluten sogar, und wir beschließen, vorzeitig abzureisen und die letzte Nacht im Zelt gegen ein Zimmer in einem Motel Richtung San Jose zu tauschen. Irgendwie haben wir auch das Gefühl, dass wir alles erlebt haben, was es in einer Woche im Yosemite zu erleben gibt.