Red Faction

Aus der Millionenstadt Perth nahmen wir den Flieger in eine weniger dicht besiedelte Gegend – das Red Centre, das rote Zentrum Australiens, wo roter Sand die Steppenlandschaft praegt. Das Outback, wie die Australier die abgelegenen Gegenden nennen, die den groessten Teil des Kontinents einnehmen, ist aber keine Wueste, sondern mit Straeuchern, Bueschen und gelegentlichen Baeumen bewachsen. Wir sind natuerlich hergekommen, um DAS Wahrzeichen Australiens, den Ayers Rock zu sehen, der inzwischen fast ueberall mit dem Namen bennant wird, den die Aborigines, die „traditional owners“ ihm gegeben haben: Uluru.

Da es keinen direkten Flug von Perth gibt muessen wir noch einen kleinen Zwischenstop in Alice Springs einlegen, der einzigen Stadt im Umkreis von gut 1000 Kilometern. Dort ist es wie erwartet heiss, trocken, die Geschaefte machen alle um 17 Uhr zu und es gibt auch sonst nicht viel zu sehen. Mit seinen 25000 Einwohnern ist ALice Springs ein ziemliches Kaff. Also bleiben wir nur eine Nacht und sehen dann endlich den dicken roten Klotz, der voellig deplatziert aus der platten Ebene hervorragt. Der Uluru ist ein Monolith, der so hoch aus dem Boden hervorragt, wie das Empire State Building – was man aus der Entfernung wegen seiner langgezogenen und abgerundeten Form gar nicht vermuten wuerde. Erst wenn man direkt davor steht und nur noch eine steile Felswand sieht bekommt man ein Gefuehl fuer die Groesse. An manchen Stellen geht es auch in vergleichsweise flacher Steigung nach oben. Man kann den Uluru sogar besteigen, dies wird jedoch von von den Ureinwohnern nicht gerne gesehen, denn fuer sie ist der Felsblock aus verstaendlichen Gruenden ein Heiligtum – wegen seiner majestaetischen Besonderheit, und weil sich bei den seltenen Regenfaellen das wertvolle Wasser an seiner Basis sammelt.

Schon wegen der Hitze von 42 Grad halten wir uns lieber im Schatten des Fesen auf. Die Empfehlung lautet, hier alles Wichtige vor 11 Uhr morgens zu erledigen. Also stehen wir um 4:30 auf, um den Sonnenaufgang am Uluru zu beobachten. Der faellt wegen der diesigen Luft nicht ganz so spektakulaer aus – statt in leuchtendem Rot erscheinen die Felsen eher in einem erdigen Braun – was die drei Busladungen voller Touristen nicht davon abhaelt, sich mit uns auf eine kleine Aussichtsplattform zu draengen. Danach schauen wir uns das zweite Heiligtum in dieser Gegend an. Nur 50 Kilometer entfernt und am Horizont als duestere Schatten sichtbar ist eine andere Felsformation, The Olgas, oder in der heimischen Bezeichnung: Kata Tjuta. Diese langgezogene Kette von Felsdomen sieht auf den ersten Blick dem Uluru vom Material her aehnlich, aber es sind keine Monolithen, sondern Konglomerate, bestehen also aus zusammengepressten Einzelsteinen, was man bei naeherem Hinsehen auch gut erkennen kann.

Es gibt mehrere Pfade durch die Taeler von Kata Tjuta. Wir entscheiden und fuer das „Valley of the Winds“, wo wir auch gleich von einer angenehmen Brise begruesst werden. Der Wanderweg zum Aussichtspunkt braucht eine gute Stunde und wird um 11 Uhr wegen der Hitze geschlossen, aber als wir losgehen ist es erst 8, also genug Zeit fuer einen entspannten Marsch. Die aufragenden Felswaende rechts und links erinnern und an den Grand Canyon, aber nur wegen der Farbe und der Lufttemperatur, von der Beschaffenheit her sind sie ganz anders als die gestreiften Gesteinsschichten im Colorado-Tal. Eher zufaellig wandern wir zusammen mit einem ruestigen amerikanischen Rentnerpaerchen, die noch nie am Grand Canyon waren, und die uns als „very handsome couple“ bezeichnen und wieder mal bestaetigen, dass reisende Amerikaner freundliche Menschen sind. Ausserdem begegnen wir ganz unerwartet in den Schluchten einer enorm lebendigen Fauna – ein Wallaby (ein kleiner Verwandter des Kaenguruhs) mit „Joey“ in seinem Beutel freut sich an einem Rastplatz ueber die Wanderer, denn die drehen den dort installierten Wasserhahn auf, um ihre Flaschen zu fuellen, und das Wallaby stillt seinen Durst mit dem Wasser, das auf den Boden tropft. Ebenfalls durstig ist ein Schwarm schimpfender Zebrafinken, die nur darauf warten, dass Menschen und Wallaby die Bar freigeben. An einem anderen Aussichtspunkt schauen wir einer grossen Echse zu, wie sie emsig und zielsicher ein Loch in den roten Sand graebt und irgendeinen Leckerbissen daraus hervorzieht.

Das rote Zentrum ist abgelegen, aber dennoch die Reise wert. Viele Australier interessieren sich nicht dafür („It’s just a big rock!“), doch wir finden: man hat Australien nicht richtig gesehen, wenn man den Uluru nicht gesehen hat. Aus jeder Perspektive und zu jeder Tagesszeit sieht er ein bisschen anders aus, die Farbe veraendert sich von verschiedenen Rot- und Braunschattierungen bis zu einem drohenden Schwarzblau nach Sonnenuntergang. An manchen Stellen wirkt der Fels fast ausserirdisch – statt Verschwoerungstheorien ranken sich aber die Schoepfungsgeschichten der Aborigenes um diesen mystischen Ort, wie zum Beispiel der Kampf zwischen Kuniya, der Woma-Python, gegen Liu, die Giftschlange.

Uluru, Kata Tjuta