Finding Nemo

P. Sherman
42 Wallaby Way
Sydney
– Finding Nemo (2003)

In Sydney gibt es keinen Wallaby Way. Dafür gibt es in den Vororten eine Wallaby Road, die sich sogar mit der Kangaroo Avenue kreuzt. Und der Quokka Drive kreuzt die Wallaby Street. Sydney ist also sehr tierfreundlich.

So haben wir Sydney auch erlebt; alle typisch australischen Tiere haben wir hier ganz aus der Nähe gesehen – natürlich nicht in freier Wildbahn, sondern im Tierpark und im Aquarium. Vor allem das Aquarium ist ein Muss, auch für Nicht-Fisch-Freunde, aus denen dann vielleicht Dugong-Liebhaber werden.

Dugongs sind den Manatees ähnlich und bei uns als Seekühe bekannt. Das Sydney Aquarium beherbergt zwei davon, die als Jungtiere an den Strand gespült wurden und trotz Auswilderungsversuchen den Anschluss an Ihre Artgenossen nicht mehr finden konnten. Sie tummeln sich zusammen mit Haien, Rochen und Rifffischen in einem riesigen Becken, unter dem ein gläserner Tunnel hindurchführt, so dass man den Tieren beim Abgrasen ihrer zweitliebsten Mahlzeit zuschauen kann. Eigentlich bevorzugen sie als strikte Salzwasser-Vegetarier bestimmte Arten von Seegras. Zufälligerweise kommt unser Blattsalat dem sehr nahe, so dass Sie mit passend aufgereihtem frischen Salat auch Vorlieb nehmen. Alle 5 Minuten gibt es einen großen Träger mit ca. 30 großen Blättern – den ganzen Tag lang. Die Dugongs machen von unten betrachtet einen sehr zufriedenen Eindruck. Das Männchen ist sogar so freundlich, dass es die Taucher, die regelmäßig das Becken von Salatresten reinigen, umarmen möchte – nicht ganz ungefährlich bei einem Körpergewicht von 450kg.

Auch die übrigen Bewohner des wirklich liebevoll gestalteten Aquariums, in dem schnell ein Großteil des Tages rumgeht, haben uns fasziniert: langhalsige Schildkröten, psychedelisch beleuchtete Quallen, und natürlich das Schnabeltier, das viel kleiner ist als gedacht (ca. 30cm lang) und sehr emsig mit geschlossenen Augen den Grund nach kleinen Schalentieren absucht – es kann die elektrischen Ströme wahrnehmen, die die Beute beim Bewegen von Muskeln erzeugt.

Am anderen Ende der gerade noch begehbaren Welt wohnen die Koalas. 18 bis 19 Stunden verbringen sie schlafend auf hoch gelegenen Astgabeln, die sie nur für ausgesuchte Eukalyptusblätter verlassen. Im Koala Sanctuary Park kann man ihnen selbst etwas davon geben, als Bezahlung für ein Koalafoto. Auf den Arm nehmen darf man sie nicht, das ist hier gesetzlich verboten. Aber wir waren schon entzückt genug, wenn sich der Kamerad behände auf allen Vieren auf den Weg entlang der Balustrade machte, auf der er uns nahe gebracht wurde. Wenn ihm das Blitzlichtgewitter zu viel wurde und er dem Starrummel entfliehen wollte, dann tat er das einfach mit einem beherzten Sprung zum nächsten (1,5m entfernten) Sprung!

Diverse Arten von Wallabies und ihren Verwandten, den Känguruhs, waren auch zu sehen, manche sogar so zahm, dass man sie mit füttern durfte. Sehr freundlich in dieser Hinsicht war ein Kakadu, der Caro nicht nur mit „Hello Darling!“ begrüßte, sondern auch noch in bestem Englisch fragte „Have a cracker?“. Er war aber auch mit Känguruh-Futter (im Westlichen getrocknetes Gras) zufrieden.

Besonders gefreut haben wir uns auch darüber, ein Wombat in Aktion zu sehen. Diese nächsten Verwandten der Koalas leben auf dem Boden, sind sehr stark und kompakt, und schlafen tagsüber. Wenn sie nicht mal neugierig nach den Besuchern am Zaun schauen, um dann wieder ihren Schlafplatz zu richten und weiterzuschnurcheln. Vielleicht hat ihn der benachbarte Echidna geweckt, ein kleines Stacheltier mit spitzer Nase, das eigentlich auch nachtaktiv ist, aber im Mulch nach Fressbarem wühlte.

Vor lauter Tiergeschichten könnte man vergessen, dass wir ja in der Millionenstadt Sydney waren. Da gibt es natürlich auch so viele andere Dinge zu sehen: der Hafen, die Harbour Bridge (von den Einheimischen wegen ihrer Form liebevoll „The Old Coathanger“ genannt), und natürlich das Opernhaus, gegen dessen einst umstrittenen Entwurf und die anschließende  turbulente Baugeschichte Stuttgart 21 als trivialer Witz erscheinen wird. Das Opernhaus ist toll. Von außen: die Sonne weiß erst, wie schön ihr Licht ist, wenn es vom Opernhaus reflektiert wird. Steht dort zu lesen. Von innen: die strahlend weißen Kacheln außen werden von nacktem Beton und einem eher düsteren Bau mit niedrigen Decken kontrastiert. Außer in den beiden hohen Konzertsälen, die vollständig mit Holz verkleidet sind, und in denen die roten Sitzpolster so beschaffen sind, dass sie ungefähr so viel Schall schlucken, wie ein Mensch. Falls Plätze frei bleiben, was selten der Fall ist. Und natürlich als Opernhaus: wir haben das Lieben und Leiden von „La Bohème“ im ausverkauften Saal miterlebt und waren begeistert. Was vielleicht auch an den Plätzen in der zweiten Reihe lag…

Und damit ist unsere Australienreise auch schon am Ende. Heute haben wir noch einen Tagesausflug nach Katoomba in die Blue Mountains gemacht, wo die „Three Sisters“ zu Hause sind. Sie wurden versteinert, um einer Entführung zu entgehen (so besagen es die Legenden der Aborigines), und stehen heute als hohe Sandsteinsäulen in einem Regenwaldtal. Morgen fliegen wir noch einmal über den roten Kontinent, und nach einem kurzen Zwischenstopp in Singapur geht es zurück in den deutschen Winter. Ohne Koalas. Ohne Dugongs. Aber vielleicht mit einem Opernbesuch…

Sydney, Aquarium, Koala Park Sanctuary, Katoomba