Crap Traffic

Als ich 1988 einen Tagesausflug nach Ost-Berlin machte prägte ich einen Satz, den meine Mutter bis heute nicht vergessen hat: „Wo ist denn hier der Ausgang?“ Ich kam mir vor wie in dem langweiligsten und tristesten aller Freizeitparks, und ich wollte nur wieder raus.

Nun ist Tijuana bezüglich der Tristesse ungefähr das Gegenteil von Ost-Berlin. Trotzdem beschlich mich heute das gleiche Gefühl wie damals.

Direkt nach dem Grenzübergang (Richtung Mexiko interessiert sich niemand für Deinen Pass) waren wir in der Hauptstadt des Touri-Nepp angekommen. „Hello guys, welcome to Mexico, come into my store, we have good deals, everything one dollar, buy something you don’t need, 100% off, you don’t need to buy anything, just have a look, everything real original imitations, maybe you come back later… „

Nichts kostet nur einen Dollar, und selbst wenn man möchte findet man kein interessantes Souvenir. Eine kleine Ahnung von Mexiko bekommen wir erst, als wir abseits der Hauptstraße umherlaufen und in einer normalen Imbissbude beim Einkaufszentrum, wo die Bedienung angenehmerweise kein Englisch spricht, Margaritas trinken.

Danach geht’s rückwärts durch den Trubel („My friends, you decided to come back, want a sombrero…?“) und ab zum Grenzübergang. Bei der Einreise in die USA muss man 30 Minuten anstehen, Pass vorzeigen, die üblichen Fragen beantworten (Highlight dieses Mal: „What car do you drive in Germany?“), aber alles sehr nett und die Gepäckkontrolle hätte ich mir ausführlicher vorgestellt.

Aber ich verstehe jetzt, warum der Grenzzaun so hoch ist. Ich würde den ganzen Souvenir-Müll auch nicht in meinem Land haben wollen.

CSI Los Angeles

Was praktisch alle L.A.-Reisenden vorher erzählt haben finden wir nun auch bestätigt: Los Angeles ist touristisch gesehen etwas langweilig. Die Stadt kommt mir vor wie eine ärmlichere Version von Miami. Downtown gibt es ein schickes, aber lebloses Geschäftsviertel mit Wolkenkratzern, daneben das Civic Center mit den Administrationsgebäuden, das Ganze umgeben von abgewetzten Straßenzügen mit kleineren Ramschläden. Prägend für die Stadt ist die Mischung aus Mexikanern, Afro-Amerikanern, Asiaten, dem Busfahrer aus Peru, dem Typen aus Kingston, Jamaica, der uns ungefragt was über den ethnischen Schmelztiegel erzählt. Weiße gibt’s auch, in öffentlichen Verkehrsmitteln sind wir aber häufig die Einzigen.

Natürlich gibt es auch touristische Highlights. Dazu gehört neben dem obligatorischen Abstecher nach Beverly Hills klar Hollywood, das man mit einem halbtägigen Spaziergang bei gesenkten Blick auf den Boden (um die im Bürgersteig verewigten Stars des Walk of Fame zu bewundern) ganz gut abfrühstücken kann. So richtig Eindruck hinterlässt es aber nicht. Kein roter Teppich, keine echten Stars, nur als Spiderman, Marilyn oder Darth Vader verkleidete Touri-Foto-Kumpanen, und selbst das Hollywood-Sign ist kleiner als erwartet. Das „Hard Rock Cafe Hollywood“ ist – anders, als man es erwarten würde – kein audiophiles Restaurant. Die Beschallung ist recht laut und so stark komprimiert, dass man ständig das Gefühl hat, in der Disco zu essen. Die bräuchten neben dem Küchenchef dringend einen Ton-Gourmet. Wobei der der „BBQ Bacon Cheeseburger“ auch preislich übersteuert und eher schmalbandig gewürzt war. Aber es ist trotzdem schön, mal hier gewesen zu sein, im Mekka des Showbiz.

Ein bisschen Hollywood-Feeling wird dann doch noch geboten. Während wir bei Einbruch der Dunkelheit im „Cantaloop“ einen selbstgemischten Eisbecher genießen, rasen ein paar Polizeiautos den Hollywood Blvd runter. Später ist eine der Metro-Stationen wegen eines „medizinischen Notfalls“ gesperrt, und zurück im Hotel rechnen die „Eye Witness News“ für uns eins und eins zusammen: Mord in der U-Bahn. Ein Passagier hat auf einen anderen mit einer Kette eingeschlagen, daraufhin hat der den Angreifer erstochen und ist auf seinem Skateboard geflüchtet. Das Sheriffs Department ermittelt, vermutlich unterstützt von den Profis der Crime Scene Investigation.

Ein wirkliches Highlight war für uns eine deutlich kulturellere Einrichtung. Mit einer kleinen, fast futuristischen Bahn fahren wir hinauf zum „J. Paul Getty Center“, das sich mit seiner modernen, weißen Architektur vom strahlendblauen Himmel ahebt. Umgeben wird es von einer zum Picknicken und Rumwandern einladenden Gartenanlage voller Blumen, Kakteen, einem künstlichen Bachlauf und einer beeindruckenden Aussicht über das diesige L.A. Vor lauter Idylle vergisst man leicht, auch mal in das Museum reizugehen und sich die Meisterwerke von Monet, van Gogh, Degas und praktisch allen anderen Künstlern von Weltrang anzuschauen. Der Eintritt ist frei. Ein Ort zum Wohlfühlen. Besten Dank, Mr. Getty.

Anreiseentäuschungen

Äh, die Sitzplätze auf unseren Bordkarten liegen ja gar nicht nebeneinander! Was ist denn mit unseren schon vor Monaten wohlgewählten und online reservierten Plätzen geworden? Die Antwort ist bestechend einfach: die Plätze waren nicht reserviert, sondern nur „requested“. Wir hätten sie 24 Stunden vor Abflug bestätigen müssen. Und weil der Flug ausgebucht ist gibt es auch keine nebeneinander liegenden freien Sitze mehr…

Das nenne ich einen gelungenen Reise-Auftakt. Dank des freundlichen Personals und etwas Sitzplatztauscherei konnten wir dann doch noch zusammen sitzen, aber natürlich nicht am Fenster. Wenigstens konnte ich meine Beine in den Gang ausstrecken. Und auch ansonsten waren wir mit Virgin Atlantic, mit denen wir zum ersten Mal geflogen sind, sehr zufrieden: Essen, Unterhaltungsprogramm und Personalfreundlichkeit waren allesamt im grünen Bereich. Mein Filmprogramm auf 11 Stunden Flug von London nach L.A.:

  • Battle Los Angeles: durchschnittlicher patriotischer Militär-Knallbumm a la Black Hawk Down mit Alieninvasion. Am Ende des Films liegt unser Reiseziel in Schutt und Asche.
  • True Grit: karger Neo-Western mit einem beeindruckend nuschelnden Jeff Bridges als abgehalfteter Anti-Held. Die Story ist Nebensache; die charakterzeichnenden Untertöne, deretwegen vermutlich alle den Film so abfeiern, sind mir wegen der Nuschelei leider etwas entgangen.
  • Hannah: Jason Bourne meets Lola rennt: leicht abgefahrene, teils Videoclip-mäßige Inszenierung (auch wegen der Techno-Filmmusik der Chemical Brothers) der alten Geschichte: untergetauchter Superagent kehrt heim, um mit seiner Vergangenheit aufzuräumen. Im Mittelpunkt steht dieses Mal allerdings seine bisher in Isolation herangewachsene und ebenfalls mit Superagentenfähigkeiten ausgestattete Tochter, die recht unbedarft der ihr unbekannten Zivilisation begegnet.  Prädikat: empfehlenswert; und die erste gute Überaschung dieser Reise

Der Flug war also kurzweilig, und als wir gegen 19 Uhr Ortszeit (nachts um 3 nach unserer Zeit) landeten, waren wir erstaunlich fit. Customs und Border Control verlief ohne nennenswerte Zwischälle. Die Entscheidung, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Hotel zu reisen, kostete uns dagegen weitere 2:15 Stunden, davon eine Stunde warten an Metro-Bahnsteigen, und einschließlich einiger Verwirrung um das lokale Fahrkartensystem, zu dem auch die Ortsansässigen wenig definitive Auskunft geben konnten.

Am Ende unserer kleinen Odyssee stand als Entschädigung ein sehr passables und sauberes Hotel, und unser Zimmer mit bequemen Bett ist sogar im obersten, 15. Stockwerk. Die Aussicht ist berauschend:

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Reisevorbereitungen 2.0

  • Sparschwein geplündert: check.
  • Sonnenbrille eingepackt: check.
  • Musik auf den iPod geladen: check.

Auf geht’s zur nächsten großen Erzählung. Die letzte ist schon zwei Jahre her… und nach der Reise an die US-Ostküste war mir klar, dass die Westküste in nicht allzu weiter Ferne folgen soll. Die weite Ferne ist nun ganz nah: nachher geht’s los.

Schon bei den letzten Reisevorbereitungen habe ich mich darüber ausgelassen, dass das digitale Packen aufwändiger ist, als das Zusammenlegen von T-Shirts und Unterhosen. Inzwischen nimmt die ganze Sache überhand. Google Maps erleichtert nicht nur die Reiseplanung, sondern verführt mich auch dazu, Routen zwecks Anzeige auf dem Smartphone enorm genau planen zu wollen. Dann automatische Suchabfragen für die Geocaches entlang dieser Route einzurichten. Schließlich die Routen in diesem Blog auf Karten anzeigen zu lassen. Dabei viel über digitale Routenformate zu lernen, wie unzulänglich diese von manchen Programmen generiert oder interpretiert werden, und wie viele Tools es gibt, die diese Unzulänglichkeiten (meist nur teilweise) ausgleichen. Nunja, Schluss mit dem Tech-Talk…

Wir fahren durch vier Bundesstaaten (zugegeben – zwei streifen wir eher). Startpunkt ist Los Angeles, und nach etwas Städte- und Küstenbummel fahren wir durch die Mojave-Wüste nach Las Vegas, von dort über die alte Route 66 zum Grand Canyon, weiter zum Monument Valley, Antelope-, Glen- und Bryce Canyon, Zion National Park, wieder über Las Vegas zum Death Valley, und dann östlich der Sierra Nevada entlang und in den Yosemite National Park, bevor es quer durch Kalifornien Richtung Big Sur, um die Bay rum ins Napa Valley und schließlich nach San Francisco geht. Alles in allem also der Klassiker der West-USA-Reisen. Google sagt: 4300km, Fahrtdauer zwei komma eins Tage. Na, dann will ich das mal glauben.

Damit mir die zwei achtunddreißig Tage nicht langweilig werden habe ich etwas klassische Reiselektüre zusammengestellt. Seitdem ich meinen ersten Wallander-Roman in Südschweden gelesen habe weiß ich, dass nichts spannender ist, als Geschichten dort zu lesen, wo sie spielen:

  • Johnston McCulley – The Curse of Capistrano (bekannt als The Mark of Zorro)
    Ein guter Start mit kalifornischen Abenteuer- und Volksheldengeschichten.
  • John Muir – My First Summer in the Sierra
    Für den szenischen Mittelteil der Reise ein Reisebericht vom Vater des Yosemite National Parks.
  • Dashiel Hammet – The Maltese Falcon
    Für das Großstadtfeeling zum Schluss die Mutter aller hard-boiled detective stories.

Als Vorgeschmack und fotografische Anregung habe ich außerdem den Meister der westamerikanischen Landschaftsfotografie bemüht:

Sehr empfehlenswert, aber nicht reisegepäcktauglich. Und im Übrigen ist es wohl auch sinnlos, einen Bildband mit dorthin zu nehmen, wo die Bilder geschossen wurden :-)

Jede Reise hat auch ihre musikalische Prägung. Ob Springsteen oder Skynyrd, Bon Jovi oder Van Halen, sie alle haben ihre Wurzeln in einem Teil Amerikas, und es macht Spaß, sich die Reisemusik nach dem Ziel zusammenzustellen. Beim letzten Mal hat mir noch das Ursprungs-Land des Künstlers gereicht, dieses mal wollte ich genauer hinhören und darauf achten, Musik aus den Orten zu nehmen, die wir besuchen. Was gar nicht immer so einfach ist, oder kennt jemand von euch eine Band aus Grand Canyon Village, Arizona, oder Mount Carmel Junction, Utah? Der Großteil der Westküstenmusik stammt nun mal aus L.A. oder der San Francisco Bay Area, obwohl wir ironischerweise gerade dort gar nicht mit dem Auto umherfahren werden. Aber die psychedelische Rockmusik von Jefferson Airplane, Grateful Dead, The Doors und Hendrix (obwohl der aus Seattle stammt) und meinen neuen Lieblingen Quicksilver Messenger Service taugt ebenso für ausgedehnte Wüstenfahrten wie kerniges Zeuch à la Steppenwolf, Guns n‘ Roses, Audioslave oder gar Kyuss (aus Palm Desert, California!).

Auch wenn ich im Blick auf diese und die letzte USA-Reise das Gefühl habe, bald alles Wichtige gesehen zu haben, weiß ich jetzt schon, dass mich noch weitere USA-Touren reizen würden: natürlich der Frontier-Klassiker, von Chicago aus geradewegs westwärts bis in die Rocky Mountains; aber auch eine Expedition Richtung „Dirty South“, quer durch die Sümpfe der alten Südstaaten und den Mississippi rauf bis Memphis, gäbe musikalisch einiges her…

Aber geplant wird frühestens wieder nächstes Jahr. Jetzt fahre ich erst mal in den Urlaub!