5 Nationalparks in 5 Tagen

Der Tag nach dem Aufstieg. Ich bin ausgeschlafen. Meine Beine… ich wünschte ich könnte sagen: „Ich spüre meine Beine nicht mehr.“ Aber sie sind noch lange nicht ausgeschlafen. Aufstehen wird eine Herausforderung. Wie ein Zombie wanke ich durch den Flur zum Bad um hoffe, dass mich die Dame vom Zimmerservice nicht sieht. Aber zum Glück haben wir in den nächsten Tagen ein ruhiges Programm. Auf dem Plan stehen drei Canyons und zwei Valleys in drei Bundesstaaten. Klingt gut für müde Beine, oder?

Tag 1: Monument Valley

Tag Eins nach dem Grand Canyon beschert uns erst mal eine lange Autofahrt nach Utah. Dank Tempomat und Geschwindigkeitsbegrenzung muss man zum Autofahren die Beine praktisch nicht benutzen. Und an unserem Ziel, dem Prototypen der besonders amerikanischen Landschaft, müssen wir noch nicht mal aussteigen. Eine mehrere Kilometer lange  Piste führt um die Tafelberge des Monument Valleys herum, und Fotos kann ich auch prima aus dem Auto machen :)

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Übrigens sehen erstaunlich viele der Berge im Profil aus wie ein Elefant mit gerade erhobenen Rüssel in Form einer vorgelagerten Steinsäule. Bis auf den „Elephant Butte“, der nicht im Entferntesten an seinen Namensgeber erinnert.

Das Monument Valley, dass mir aus Film und Fernsehen schon so vertraut ist, mit eigenen Augen zu sehen, ist ein ähnlich mystisches Erlebnis, wie den Ayers Rock zu sehen: es ist ein Umweg, der sich lohnt.

Tag 2: Antelope Canyon

Nach einer Nacht in Page, Arizona, schauen wir uns drei Sehenswürdigkeiten ganz in der Nähe an. Zuerst den Horseshoe Bend, an dem der Colorado River eine spektakuläre 180-Grad-Kurve schlägt, und das in einem 300 Meter tiefen Canyon. An der oberen Klippe habe ich deutliche Probleme, das ganze Bild auf ein Foto zu bannen.

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Weniger tief, aber noch fototrächtiger ist der (Lower) Antelope Canyon. Wir zwängen uns durch eine wenige Zentimeter breite Spalte in dem Boden, winden uns um abgerundete Felsvorsprünge und balancieren schmale, in den Fels eingelassene Metalltreppen herunter. Dann folgen zwei Stunden freie Motivwahl – meine Kamera und das Stativ waren überzeugend genug, dass ich als Fotograf einen „Photo Permit“ bekommen konnte und so nicht an die einstündige geführte Tour gebunden bin. In zwei Stunden kommen auf wenigen hundert Metern über 150 Bilder zusammen. Es wären noch mehr, wenn ich nicht wegen der schwierigen Lichtverhältnisse immer vom Stativ aus fotografieren müsste. Und wenn die zwei Stunden nicht so schnell vorbei wären. Das Handybild gibt den Eindruck wohl nur unvollständig wieder, aber der Canyon ist wirklich atemberaubend schön.

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Danach fahren wir noch zum Glen Canyon Dam, einem Staudamm, der den Colorado zwecks Wasserversorgung von ganz Südwestamerika aufstaut und den Glen Canyon in den gigantischen Lake Powell verwandelt hat. Mitten in der Wüste ist so gleichzeitig ein Frezeit- und Erholungsgebiet entstanden. 500 Meilen vom Meer entfernt baden wir zum ersten Mal entspannt – der Pazifik war verdammt kalt.

Tag 3: Bryce Canyon

In Mount Carmel Junction, Utah, einem Ort, der eigentlich nur aus einer Kreuzung mit Tankstelle besteht, finden wir erst unser Motel nicht. Es liegt nämlich eine Meile von der Kreuzung entfernt, aber natürlich nicht in die Richtung, in die wir abgebogen sind.

Dafür ist dies ein guter Ausgangspunkt für die nächsten beiden Nationalparks.

Der Bryce Canyon ist eigentlich gar kein Canyon, da er durch Erosion und nicht durch einen Fluss entstanden ist. Übrig geblieben ist ein Talkessel, in dem bis zu 60 Meter hohe Felsnadeln, sogenannte „Hoodoos“, stehengeblieben sind. Durch verschiedene Gestrichensschichten ist das ganze Amphitheater rot und weiß gestreift.

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Tag 4: Zion National Park

Den letzten Park in Utah besuchen wir am Labour Day, was hier ein großer Feiertag ist, daher ist der Parkplatz am Besucherzentrum fast voll. Das Wetter ist erstmals nicht in Feierlaune und gibt sich bedeckt und leicht regnerisch. Aber das macht uns nichts aus, wir werden sowieso nass.

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Das Highlight im Zion NP sind nämlich „The Narrows“, der schmale Teil des Zion Canyon, der gerade so breit ist wie der Virgin River, der ihn gegraben hat. Diesen wandern wir eineinhalb Stunden flussaufwärts entlang – im Fluss! Der reicht meistens nicht über die Knie, an einigen Stellen aber bis zur Brust. Als wir uns die Rucksäcke über den Kopf halten und durch das 17 Grad kalte Wasser waten, fühlen wir uns wie auf abenteuerlicher Expedition.

Tag 5: Death Valley

Die Abkühlung von gestern wird heute mehr als wett gemacht. Im Death Valley zeigt unser Autothermometer 113° Fahrenheit, also 45° Celsius. Im Badwater Basin, dem tiefsten Festlandspunkt der westlichen Hemisphäre, zeigt 86 Meter über uns ein Schild an der Felswand den Meeresspiegel an. Ein komisches Gefühl. Allerdings würden wir gerne das bisschen Salzwasser, das noch nicht ausgetrocknet und in eine dicke Salzkruste verwandelt ist, gegen 86 Meter frisches une kühles Meerwasser tauschen.

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Hier im Tal des Todes ist der Punkt erreicht, an dem ich kein schlechtes Gewissen mehr habe, den Motor laufen zu lassen, während wir kurz zum Fotos schießen aussteigen. Es wird in Sekunden heiß im Auto, aber es dauert ziemlich lange, bis die Klimaanlage wieder eine vertretbare Temperatur erarbeitet hat. Nicht nur unsere Kühlwassertemperatur steigt um 25 Grad Celsius an, auch der Benzinpreis ist 2 Dollar pro Gallone (ca. 75 Euro-Cent pro Liter) höher, als außerhalb des Valleys. Zum Glück ist unser Tank voll.

Das Death Valley setzt in Punkto Wüste noch mal einen neuen Maßstab. War die Mojavewüste noch karg, so ist es hier endgültig so freundlich wir in einem Mondkrater. Kaum zu glauben, dass Siedler im 19. Jahrhundert mit Planwagen durch diese menschenfeindliche Einöde gezogen sind. Ohne Klimaanlage.

Und doch verstecken sich hier einige wunderbare Anblicke. Die „Artists Palette“ sieht aus, als hätte sich der liebe Gott auf einer Bergkette die Farben bereit gelegt, mit denen er den Rest der Welt anmalen wollte: Rot, Rosa, Pink, Grün, Gold, Braun und Weiß sind wie zufällig auf den Hügeln verteilt. Der berühmte Zabriskie-Point lässt uns wie aus dem Weltraum auf eine verkleinerte Canyon-Landschaft gucken.

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Wieder raus aus dem Tal geht es, in dem wir die eineinhalbtausende Meter, die wir erst rauf und dann runter gefahren sind, wieder rauf und wieder runter fahren (das Kühlwasser lässt grüßen), nur um eine andere Bergkette wieder raufzufahren: die Sierra Nevada. In diese eingebettet liegt der Yosemite Nationalpark, in dem wir die nächste Woche mit dem Zelt verbringen. Und ohne Internet. Ich melde mich hiermit ab.

Wenn Weg und Ziel zusammenfallen

„Können wir das schaffen?“
„Ja, wir schaffen das!“
Bob, der Baumeister

Ob Bob schon mal den Grand Canyon runter- und wieder rauf gewandert ist? Seinen Optimismus hätten wir einige Male gut gebrauchen können. Das Problem am Canyon ist, dass man alles, was man runter trägt, auch wieder hinauftragen muss. Zelt. Schlafsack. Stativ. Spiegelreflexkamera. Vor allem aber sich selbst. Anders als bei der durchschnittlichen Alpenwanderung, wo man zuerst rauf wandert, und sich dann, wenn man halbwegs müde ist, wieder runter rollen lässt, kommt beim Grand Canyon der anstrengende Teil zum Schluss.

Etwa eine Stunde vor Ende des Abstiegs dachten wir dummerweise bereits, dass wir noch nicht mal den schaffen werden. Das ließ Raum für Optimismus für den nächsten Tag… aber die Aussicht bis dahin war natürlich einzigartig.

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Im Grand Canyon haben wir ständig Aussichten, die aussehen wie ein Desktop-Hintergrundbild auf dem Computer. Und dann laufen wir hinein und werden belohnt mit noch mehr grandioser Landschaft. Mal ist der Felsen gelblich-weiß, dann kommen wir in die nächste Gesteinsschicht und alles färbt sich rot. Mal stehen grüne Bäume an plätschernden Bächen, mal sieht es so karg aus wie auf dem Mond. Die Temperatur steigt von entspannten 25 Grad am Rand bis auf 40 Grad am Grund. Das einzige, was uns den ganzen Weg über begleitet, sind graue Eichhörnchen, die auch gerne in Rucksäcke reinkriechen oder halbe Äpfel von unachtsamen Wanderern erbeuten.

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Bis zur Hälfte der 1350 Höhenmetern umfassenden und rund 14 Kilometer langen Wanderung kommen in regelmäßigem Abstand von 2,5 Kilometern Schutzhütten die über den einzig nötigen Komfort verfügen, den wir hier brauchen: einen Wasserhahn. An der Mittelstation „Indian Gardens“, einer kleinen Oase auf dem sonnenbeschienen Pfad, lächeln wir noch über diesen Hinweis:

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Das Lächeln vergeht uns bald, so richtig aber, als unser Aufstieg mit dem „Devil’s Corkscrew“, einem steilen und steinigen Zickzackweg beginnt. Wir haben noch wackelige Beine vom Abstieg und eine unruhige Nacht im Zelt bei knapp unter 40 Grad hinter uns. Und es ist noch nicht einmal 8 Uhr morgens, der Tag wird noch lang. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es unmöglich schaffen können.

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Ganz langsam, Schritt für Schritt, und mit vielen Litern Wasser, sowohl getrunkenen als auch über den Kopf gegossenen, kämpfen wir uns nach oben. Immer wieder motiviert derjenige mit der besseren Laune den anderen. Zwölf Stunden sind wir unterwegs, davon vier Stunden Pause. Die schönsten Momente sind die, wo die Sonne hinter Wolken verschwindet. Danach kommen die Pfade, die nur glatt bergauf gehen und nicht wie eine Treppe erklommen werden müssen. Und dann der Wasserhahn, der das lauwarme gegen kaltes Wasser tauscht.

Irgendwann erscheint der Rand gar nicht mehr so weit weg. Und die letzte Etappe ist zum Glück auch nicht die Übelste. Ein paar Meter vor der letzten Treppe treffen wir auf eine Gruppe Motorradfahrer mittleren Alters, die ein paar Meter unterm Rand mit Wein in Plastikbechern den Ausblick in der Abendsonne genießt. Sie sitzen da wie ein Empfangskomitee, und genau so begrüßen und ehren sie uns auch. Wir sind mit der Welt versöhnt.

Würde ich es wieder tun? Ja, vielleicht, aber dann anders, nicht an einem Tag runter und am nächsten wieder rauf, sondern mit Zwischenstops; in Indian Garden kann man auch übernachten. Und möglichst mit weniger Gepäck – ich hatte wahrscheinlich 12 oder 14 Kilo auf dem Buckel. Aber ich würde diesen Trip jedem empfehlen, der ihn sich zutraut. Es ist ein einmaliges Erlebnis.

On The Road Again

Auf dem Weg von Vegas zum Grand Canyon biegen wir von der Interstate 40 ab auf die legendäre Route 66. Als die Interstate 1984 gebaut wurde verlor die heutige Kultstraße an Bedeutung, sogar die „Arizona 66“-Schilder wurden abmontiert. Dem Einsatz einiger Anrainer in Ortschaften wie Peach Springs und Seligman ist es zu verdanken, dass die Straße nun als „Historic Route 66“ geführt wird. Mehr als harmlose Touristenattraktionen sind von den Städtchen trotzdem nicht übrig geblieben.

Das richtige Route-66-Feeling kommt auch erst auf, wenn man die passende Musik auflegt. Zum Beispiel „La Grange“ von ZZ Top (auch wenn die aus Texas stammen; beste Grüße an dieser Stelle an den Herrn mit der ZZ Top Vinyl-Sammlung!) oder das unvermeidliche „Born To Be Wild“ von Steppenwolf.

Oder aber man legt einen Stopp bei John ein, dort wo die echten Biker auch im Vorbeifahren einen Ehrengruß hupen. John betreibt ein Route-66-Kuriositätenmuseum mit Souvenirladen im ehemaligen Hackberry General Store, einem einsamen Gebäude aus dem Jahr 1935. Davor stehen stilecht ein vollständig durchgerosteter Oldtimer aus der gleichen Zeit, einige Retro-Zapfsäulen und ein paar auf Hochglanz polierte Sportwagen der 50er und 60er. John ist selbst auch nicht mehr das jüngste Modell, das weise Gesicht mit dem grauen Vollbart verrät, dass er schon einige Male die Route 66 rauf und runter gefahren ist.

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Alles in allem wirkt der Route-66-Tourismus eher improvisiert. Ein paar originale Überbleibsel aus besseren Zeiten werden gemischt mit allem, was zum „On The Road“-Thema passt. Großzügig verwertet wird natürlich auch der Disney/Pixar-Animationsfilm „Cars“, in dem die putzigen Autos die Hauptrolle spielen und der seine Inspirationen genau aus diesem Stück der Route gezogen hat. Das Improvisierte wirkt hier aber doch ganz charmant:

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Atomic City

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Ich kann mich nicht entscheiden: soll ich schockiert oder begeistert sein beim Anblick des Las Vegas Strip? Innerhalb von 15 Minuten läuft man unterm Eiffelturm durch, am Forum Romanum vorbei, sieht die komplette Skyline von New York und endet schließlich unter künstlichem Tageshimmel an den venezianischen Kanälen samt singendem Gondoliere. Guckt man sich noch mehr um so sieht man versinkende Piratenschiffe, ausbrechende Vulkane, großartige Fontänenspiele… und währenddessen wird man von einem 40 Grad warmen Wüstenwind angefönt. Der ist allerdings das einzige, was echt ist.

Es braucht eine Weile, aber der Kitsch ist so gut gemacht, dass ich von der Masse bald wie in Zuckerwatte eingewickelt bin und mich von der Süßigkeit begeistern lasse. Und plötzlich denke, dass zwei Tage hier gar nicht genug sind.

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Allerdings sind es nur die Abende, die Spaß machen. Tagsüber ist die Hitze unerträglich, und wenn man wie ich kein Poolschwimmer ist, dann sucht man sich einen anderen klimatisierten Ort zum Anschauen. Zum Beispiel das „Atomic Testing Museum“. Dort erfährt man viel Interessantes über die (natürlich nur dem Frieden dienenden) Kernwaffentests auf der Nevada Test Site, kaum 150km nördlich von Las Vegas. Dort fanden bis 1992 fast 1000 Atombombenexplosionen statt, die meisten allerdings unterirdisch. Vom historischen Kontext bis zu technischen Details wird alles ernsthaft anschaulich, aber nicht oberflächlich erläutert. Nur die kritische Auseinandersetzung kommt etwas kurz. Trotzdem ist es eines der gelungensten Technikmuseen, die ich bisher besucht habe.

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An unserem letzten Abend wagen wir in unserem Hotel und Kasino „Treasure Island“ dann noch, weswegen ja alle anderen hier sind. Eine ganze Weile lang schauen wir den anderen beim Blackjack zu, bevor wir uns selbst an den Tisch trauen. Mit 50 Dollar Spielkapital gehören wir allerdings zu den Kleinstfischen. Aber wer wenig hat ist vorsichtiger, und so schaffen wir es in zwei Runden annähernd die Bank zu sprengen und jeweils 20 Dollar Gewinn zu scheffeln. So gehen wir mit fast verdoppelten Spielvermögen in unserer luxuriöses Zimmer zurück. Für eine Flasche Sieges-Champagner reicht der Gewinn leider nicht. Das nächste Mal setzen wir eine Millionen!

Into the Great Nothing

Wenn man in einer Stadt ankommt und gleich das Gefühl hat, dass es draußen in der Wüste interessanter war, dann ist das kein gutes Zeichen. Welche armen Teufel wohnen wohl in Barstow, Kalifornien? Viele können es nicht mehr sein, an der Hauptstraße stehen zehn von zwölf Geschäften leer. Nur die großen Supermärkte und Fast-Food-Ketten haben überlebt. Die lokale BMX-Jugend trifft sich beo Hungry Jack’s. Zum Glück bleiben wir nur eine Nacht.

Angereist sind wir von Ventura, und da wir sowieso quer durch L.A. fahren mussten haben wir gleich noch mal an unserer Lieblings-Eisdiele „Cantaloop“ am Hollywood Blvd angehalten… :-) Bei der Gelegenheit haben wir uns auch das Hollywood Sign aus der Nähe angeschaut, aber das war’s dann auch endgültig mit L.A.

Kaum haben wir die Stadt hinter uns gelassen wird es trocken, steppenhaft, wüstenartig. Bei einem kleinen Zwischenstop am Cajon-Pass bekommen wir zum ersten Mal die sengende Hitze zu spüren. Hier werfen wir einen Blick auf die Mormon Rocks, ein sichtbares Stück der San-Andreas-Verwerfung. Erinnert mich spontan an Kata Tjuta (The Olgas) in der Nähe des Ayers Rock in Australien. Nur etwas kleiner und nicht rot.

Nach der Nacht in Barstow fahren wir weiter Richtung Vegas, aber nicht auf dem direkten Weg. Wir wollen die Mojave-Wüste durchqueren. Schon vorher fragen wir uns, wie viel wüstenhafter es eigentlich noch werden kann. Als wir in das Mojave-Tal gelangen sehen wir: nicht viel mehr, aber ein bisschen geht noch. Karge Büsche stehen nur noch einzeln, nicht mehr in puscheligen Grüppchen. Manche sehen regelrecht verbrannt aus. Und die Kelso Dunes sind schließlich echte Sanddünen.

Die Trockenheit, die Hitze, die kargen Bergketten, die das Große Nichts umgeben, sind beeindruckend. Das einst verlassene und nun touristisch erschlossene Kelso Depot, ein ehemaliges Eisenbahndepot an der einzigen wichtigen Kreuzung in der Mojave-Wüste, ist mit seinem bewässerten Rasen und den großen, fast 100 Jahre alten Palmen wie bunte Süßigkeiten für die Augen.

Auf dem Weg aus der Wüste freunden wir uns noch mit einem Joshua Tree an, diesen großen kakteenhaften und charakterisitsch krumm gewachsenen Bäumen. Nachdem er mich ordentlich in den Finger gepiekst hat springen wir schnell ins Auto, bevor ein Unwetter über uns hereinbricht. Na gut, der größte Teil der Regenfront zieht an uns vorbei, und die paar Tropfen die unsere Windschutzscheibe treffen verdampfen so schnell, dass ich den Scheibenwischer kaum anschalte. Aber die dunklen Wolken und der Regenschleier, der über die bis eben noch strahlend besonnte Wüste wandert, wirken beunruhigend. Da sag doch noch einer in der Wüste sei nichts los.

Der Norden vom Süden

„On my way up north,
Up on the ventura…“
Tori Amos – A Sorta Fairytale (2002)

Seit ein paar Tagen sind wir nun schon mit unserem Auto unterwegs, einem knallroten Chevrolet mit vier Türen und genug Platz im Kofferraum für unser erstes Ziel: ein Outlet-Center in San Ysidro, direkt an der mexikanischen Grenze. Eigentlich hatten wir dort nur zwei, drei Stunden eingeplant, aber wie das so ist im Schlaraffenland… abends um sechs machten wir uns dann mit einigen Hosen, T-Shirts, Schuhen, Kapuzenpullis auf den Weg nach Ventura.

Da wir sowieso längs durch L.A. fahren mussten haben wir gleich noch einen Zwischenstop bei unsere Lieblingseisdiele Cantaloop am Hollywood Blvd eingelegt. Danach suchten wir auf Irrwegen den berühmten Mulholland Drive Anhänger der Hollywood Hills, um einen spektakulären Blick auf die funkelnden Lichter der Stadt zu bekommen. Nach den ganzen Abstechern ging’s dann den Ventura Highway nach Norden, und um Mitternacht waren wir endlich in unserem Motel.

Eigentlich waren wir hierher gekommen,um ein Stück vom vielgerühmten Highway 1 direkt an der Küste entlang zu fahren. Unser nächster Tagesausflug ging dann auch nach Santa Barbara und noch ein bisschen weiter, aber allzuviel tollen Meerblick hatten wir hier nicht. Der spannende Teil des Highway 1 ist wohl doch weiter nördlich. Einen Abstecher zum Big Sur haben wir zum Glück noch gegen Ende der Reise auf dem Plan.

Santa Barbara ist ein nettes Städtchen mit deutlich spanischen Einfluss in seiner Architektur. Ein riesiger Holzpier ragt ins Meer – früher habe hier große Schiffe angelegt, heute ist es eine Touristenattraktion mit Shops und Restaurants. Alles in allem mäßig beeindruckend. Wir essen indisches All-you-can-eat-Buffet, „one of the best in America“, und fahren weiter.

Nächster Halt: Dänemark. Solvang ist die selbsternannte dänische Hauptstadt in den USA. In guter amerikanischer Manier wirkt auch diese sonst vermutlich bedeutungslose Kleinstadt im Hinterland wie ein großer Themenpark. Dänische Straßennamen, dänische Bäckereien, ein Hans Christian Andersen Park, ein Meerjungfrauenbrunnen. Nur echte Dänen haben wir keine gesehen.

Ist ja alles ganz nett hier. Aber wir freuen uns auf die Wüste.

Vier Churros für ein Hallelujah

„San Diego… was a mistake!“
The Eternal Afflict (1992)

Lange Jahre war diese Refrainzeile einer weitgehend unbekannten Dark-Wave-Band das einzige, was mich mit San Diego verband. Damals, Anfang der 90er, brachten die ersten Töne dieses Songs einen Pulk schwarz gewandeter Gestalten aus den Ecken unserer Kleinstadtdisco hervor, die dann zu unserer Belustigung ihren charakteristischen Drei-Schritte-vor, Drei-Schritte-zurück-Tanz aufführten. Wir sprangen lieber wild zu Pearl Jam und Soundgarden durch den Felsenkeller.

Nach San Diego zu kommen war kein Fehler. Nach dem nicht nur in den Seitenstraßen abgenutzten und stinkenden L.A. ist diese saubere und aufgeräumte Stadt eine Wohltat für den Kehrwocheschwaben in mir. Ich weiß nicht, ob „The Big SD“ einfach wohlhabender ist, oder ob es am Drill der U.S. Navy liegt, deren Pazifikflotte im natürlichen Tiefwasserhafen der San Diego Bay beheimatet ist.

So richtige Touristenattraktionen gibt es auch hier nicht, aber dafür hält sich die Touristenquote und das Angebot an Nippes in akzeptablen Grenzen. Die im Stil der 1880er wiederhergestellte Old Town wirkt auf mich eher wie ein kleiner Freizeitpark, als wie ein historischer Stadtkern. Und das Restaurantparadies Gaslamp Quarter ist schön zum Weggehen, aber keine Sehenswürdigkeit. Dafür bietet die Stadt unsere kulinarischen Lieblinge: Bruegger’s Bagels, Gordon Biersch („deutsches“ Bier und Weltklasse-Burger) und Churros (frittierte gezuckerte Teigstangen).


Und für US-Präsidenten wie auch für Touristen gilt: „The Navy won’t let you down!“ Im Hafen von San Diego hat man den 1945 getauften und 1992 ausgemusterten Flugzeugträger USS Midway (CV-41) geparkt und in ein Museum verwandelt. Wir brauchen fast einen ganzen Tag, um über die gigantischen Decks, durch die verwinkelten Gänge und in die engen Kajüten zu finden und uns die über 60 Stationen einer wirklich gelungenen Audiotour anzuhören. Von der Brücke über die Admiralskabine bis zum Machinenraum und der Kombüse gibt es interessante Fakten und Veteranenanekdoten zu hören. Echte Veteranen erklären auf dem Flugdeck lebhaft, wie man unter Gefechtsbedingungen alle 45 Sekunden einen Jet starten lässt. Die echten Millionen-Dollar-Jets stehen natürlich auch als Deko zum Anfassen da.

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Aber was ist schon ein Flugzeugträger… Als die Crew des Raumschiffs Enterprise in Star Trek IV in das Jahr 1984 zurückversetzt wurde und der Steuermann Mr. Chekov auf der Suche nach Treibstoff mitten im kalten Krieg mit deutlich russischem Akzent fragte „Wo liegen amerikanische nukleargetriebene Flugzeugträger?“, da hätte er in San Diego leicht Antwort erhalten: dort drüben. Am gegenüberliegenden Ufer liegt nämlich die noch im aktiven Dienst stehende USS Carl Vinson (CVN-70), von der im Mai der tote Osama Bin Laden über Bord geworfen wurde. Und während wir die vom Deck der Midway aus betrachten kreuzt mal kurz die 250 Meter lange USS Makin Island (LHD 9) das Bild und schippert majestätisch unter der nicht ohne Grund enorm hoch gebauten Hafenbrücke durch. Drei zum Preis von einem…

„Who’s face is that on your T-shirt?“ fragt mich eine Frau an einem der vielen Navy-Drenkmäler rund um den Hafen. Ich setze zur Bildungsoffensive über das europäische Kino der 70er und 80er an: „He is an Italian actor called Bud Spencer…“, aber sie unterbricht mich schnell: „Oh, I thought it was Jesus!“ Den Fehler haben einige Leute in Schwäbisch-Gmünd unlängst auch gemacht.

Aber: San Diego was NOT a mistake.

Crap Traffic

Als ich 1988 einen Tagesausflug nach Ost-Berlin machte prägte ich einen Satz, den meine Mutter bis heute nicht vergessen hat: „Wo ist denn hier der Ausgang?“ Ich kam mir vor wie in dem langweiligsten und tristesten aller Freizeitparks, und ich wollte nur wieder raus.

Nun ist Tijuana bezüglich der Tristesse ungefähr das Gegenteil von Ost-Berlin. Trotzdem beschlich mich heute das gleiche Gefühl wie damals.

Direkt nach dem Grenzübergang (Richtung Mexiko interessiert sich niemand für Deinen Pass) waren wir in der Hauptstadt des Touri-Nepp angekommen. „Hello guys, welcome to Mexico, come into my store, we have good deals, everything one dollar, buy something you don’t need, 100% off, you don’t need to buy anything, just have a look, everything real original imitations, maybe you come back later… „

Nichts kostet nur einen Dollar, und selbst wenn man möchte findet man kein interessantes Souvenir. Eine kleine Ahnung von Mexiko bekommen wir erst, als wir abseits der Hauptstraße umherlaufen und in einer normalen Imbissbude beim Einkaufszentrum, wo die Bedienung angenehmerweise kein Englisch spricht, Margaritas trinken.

Danach geht’s rückwärts durch den Trubel („My friends, you decided to come back, want a sombrero…?“) und ab zum Grenzübergang. Bei der Einreise in die USA muss man 30 Minuten anstehen, Pass vorzeigen, die üblichen Fragen beantworten (Highlight dieses Mal: „What car do you drive in Germany?“), aber alles sehr nett und die Gepäckkontrolle hätte ich mir ausführlicher vorgestellt.

Aber ich verstehe jetzt, warum der Grenzzaun so hoch ist. Ich würde den ganzen Souvenir-Müll auch nicht in meinem Land haben wollen.

CSI Los Angeles

Was praktisch alle L.A.-Reisenden vorher erzählt haben finden wir nun auch bestätigt: Los Angeles ist touristisch gesehen etwas langweilig. Die Stadt kommt mir vor wie eine ärmlichere Version von Miami. Downtown gibt es ein schickes, aber lebloses Geschäftsviertel mit Wolkenkratzern, daneben das Civic Center mit den Administrationsgebäuden, das Ganze umgeben von abgewetzten Straßenzügen mit kleineren Ramschläden. Prägend für die Stadt ist die Mischung aus Mexikanern, Afro-Amerikanern, Asiaten, dem Busfahrer aus Peru, dem Typen aus Kingston, Jamaica, der uns ungefragt was über den ethnischen Schmelztiegel erzählt. Weiße gibt’s auch, in öffentlichen Verkehrsmitteln sind wir aber häufig die Einzigen.

Natürlich gibt es auch touristische Highlights. Dazu gehört neben dem obligatorischen Abstecher nach Beverly Hills klar Hollywood, das man mit einem halbtägigen Spaziergang bei gesenkten Blick auf den Boden (um die im Bürgersteig verewigten Stars des Walk of Fame zu bewundern) ganz gut abfrühstücken kann. So richtig Eindruck hinterlässt es aber nicht. Kein roter Teppich, keine echten Stars, nur als Spiderman, Marilyn oder Darth Vader verkleidete Touri-Foto-Kumpanen, und selbst das Hollywood-Sign ist kleiner als erwartet. Das „Hard Rock Cafe Hollywood“ ist – anders, als man es erwarten würde – kein audiophiles Restaurant. Die Beschallung ist recht laut und so stark komprimiert, dass man ständig das Gefühl hat, in der Disco zu essen. Die bräuchten neben dem Küchenchef dringend einen Ton-Gourmet. Wobei der der „BBQ Bacon Cheeseburger“ auch preislich übersteuert und eher schmalbandig gewürzt war. Aber es ist trotzdem schön, mal hier gewesen zu sein, im Mekka des Showbiz.

Ein bisschen Hollywood-Feeling wird dann doch noch geboten. Während wir bei Einbruch der Dunkelheit im „Cantaloop“ einen selbstgemischten Eisbecher genießen, rasen ein paar Polizeiautos den Hollywood Blvd runter. Später ist eine der Metro-Stationen wegen eines „medizinischen Notfalls“ gesperrt, und zurück im Hotel rechnen die „Eye Witness News“ für uns eins und eins zusammen: Mord in der U-Bahn. Ein Passagier hat auf einen anderen mit einer Kette eingeschlagen, daraufhin hat der den Angreifer erstochen und ist auf seinem Skateboard geflüchtet. Das Sheriffs Department ermittelt, vermutlich unterstützt von den Profis der Crime Scene Investigation.

Ein wirkliches Highlight war für uns eine deutlich kulturellere Einrichtung. Mit einer kleinen, fast futuristischen Bahn fahren wir hinauf zum „J. Paul Getty Center“, das sich mit seiner modernen, weißen Architektur vom strahlendblauen Himmel ahebt. Umgeben wird es von einer zum Picknicken und Rumwandern einladenden Gartenanlage voller Blumen, Kakteen, einem künstlichen Bachlauf und einer beeindruckenden Aussicht über das diesige L.A. Vor lauter Idylle vergisst man leicht, auch mal in das Museum reizugehen und sich die Meisterwerke von Monet, van Gogh, Degas und praktisch allen anderen Künstlern von Weltrang anzuschauen. Der Eintritt ist frei. Ein Ort zum Wohlfühlen. Besten Dank, Mr. Getty.

Anreiseentäuschungen

Äh, die Sitzplätze auf unseren Bordkarten liegen ja gar nicht nebeneinander! Was ist denn mit unseren schon vor Monaten wohlgewählten und online reservierten Plätzen geworden? Die Antwort ist bestechend einfach: die Plätze waren nicht reserviert, sondern nur „requested“. Wir hätten sie 24 Stunden vor Abflug bestätigen müssen. Und weil der Flug ausgebucht ist gibt es auch keine nebeneinander liegenden freien Sitze mehr…

Das nenne ich einen gelungenen Reise-Auftakt. Dank des freundlichen Personals und etwas Sitzplatztauscherei konnten wir dann doch noch zusammen sitzen, aber natürlich nicht am Fenster. Wenigstens konnte ich meine Beine in den Gang ausstrecken. Und auch ansonsten waren wir mit Virgin Atlantic, mit denen wir zum ersten Mal geflogen sind, sehr zufrieden: Essen, Unterhaltungsprogramm und Personalfreundlichkeit waren allesamt im grünen Bereich. Mein Filmprogramm auf 11 Stunden Flug von London nach L.A.:

  • Battle Los Angeles: durchschnittlicher patriotischer Militär-Knallbumm a la Black Hawk Down mit Alieninvasion. Am Ende des Films liegt unser Reiseziel in Schutt und Asche.
  • True Grit: karger Neo-Western mit einem beeindruckend nuschelnden Jeff Bridges als abgehalfteter Anti-Held. Die Story ist Nebensache; die charakterzeichnenden Untertöne, deretwegen vermutlich alle den Film so abfeiern, sind mir wegen der Nuschelei leider etwas entgangen.
  • Hannah: Jason Bourne meets Lola rennt: leicht abgefahrene, teils Videoclip-mäßige Inszenierung (auch wegen der Techno-Filmmusik der Chemical Brothers) der alten Geschichte: untergetauchter Superagent kehrt heim, um mit seiner Vergangenheit aufzuräumen. Im Mittelpunkt steht dieses Mal allerdings seine bisher in Isolation herangewachsene und ebenfalls mit Superagentenfähigkeiten ausgestattete Tochter, die recht unbedarft der ihr unbekannten Zivilisation begegnet.  Prädikat: empfehlenswert; und die erste gute Überaschung dieser Reise

Der Flug war also kurzweilig, und als wir gegen 19 Uhr Ortszeit (nachts um 3 nach unserer Zeit) landeten, waren wir erstaunlich fit. Customs und Border Control verlief ohne nennenswerte Zwischälle. Die Entscheidung, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Hotel zu reisen, kostete uns dagegen weitere 2:15 Stunden, davon eine Stunde warten an Metro-Bahnsteigen, und einschließlich einiger Verwirrung um das lokale Fahrkartensystem, zu dem auch die Ortsansässigen wenig definitive Auskunft geben konnten.

Am Ende unserer kleinen Odyssee stand als Entschädigung ein sehr passables und sauberes Hotel, und unser Zimmer mit bequemen Bett ist sogar im obersten, 15. Stockwerk. Die Aussicht ist berauschend:

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