Finding Nemo

P. Sherman
42 Wallaby Way
Sydney
– Finding Nemo (2003)

In Sydney gibt es keinen Wallaby Way. Dafür gibt es in den Vororten eine Wallaby Road, die sich sogar mit der Kangaroo Avenue kreuzt. Und der Quokka Drive kreuzt die Wallaby Street. Sydney ist also sehr tierfreundlich.

So haben wir Sydney auch erlebt; alle typisch australischen Tiere haben wir hier ganz aus der Nähe gesehen – natürlich nicht in freier Wildbahn, sondern im Tierpark und im Aquarium. Vor allem das Aquarium ist ein Muss, auch für Nicht-Fisch-Freunde, aus denen dann vielleicht Dugong-Liebhaber werden.

Dugongs sind den Manatees ähnlich und bei uns als Seekühe bekannt. Das Sydney Aquarium beherbergt zwei davon, die als Jungtiere an den Strand gespült wurden und trotz Auswilderungsversuchen den Anschluss an Ihre Artgenossen nicht mehr finden konnten. Sie tummeln sich zusammen mit Haien, Rochen und Rifffischen in einem riesigen Becken, unter dem ein gläserner Tunnel hindurchführt, so dass man den Tieren beim Abgrasen ihrer zweitliebsten Mahlzeit zuschauen kann. Eigentlich bevorzugen sie als strikte Salzwasser-Vegetarier bestimmte Arten von Seegras. Zufälligerweise kommt unser Blattsalat dem sehr nahe, so dass Sie mit passend aufgereihtem frischen Salat auch Vorlieb nehmen. Alle 5 Minuten gibt es einen großen Träger mit ca. 30 großen Blättern – den ganzen Tag lang. Die Dugongs machen von unten betrachtet einen sehr zufriedenen Eindruck. Das Männchen ist sogar so freundlich, dass es die Taucher, die regelmäßig das Becken von Salatresten reinigen, umarmen möchte – nicht ganz ungefährlich bei einem Körpergewicht von 450kg.

Auch die übrigen Bewohner des wirklich liebevoll gestalteten Aquariums, in dem schnell ein Großteil des Tages rumgeht, haben uns fasziniert: langhalsige Schildkröten, psychedelisch beleuchtete Quallen, und natürlich das Schnabeltier, das viel kleiner ist als gedacht (ca. 30cm lang) und sehr emsig mit geschlossenen Augen den Grund nach kleinen Schalentieren absucht – es kann die elektrischen Ströme wahrnehmen, die die Beute beim Bewegen von Muskeln erzeugt.

Am anderen Ende der gerade noch begehbaren Welt wohnen die Koalas. 18 bis 19 Stunden verbringen sie schlafend auf hoch gelegenen Astgabeln, die sie nur für ausgesuchte Eukalyptusblätter verlassen. Im Koala Sanctuary Park kann man ihnen selbst etwas davon geben, als Bezahlung für ein Koalafoto. Auf den Arm nehmen darf man sie nicht, das ist hier gesetzlich verboten. Aber wir waren schon entzückt genug, wenn sich der Kamerad behände auf allen Vieren auf den Weg entlang der Balustrade machte, auf der er uns nahe gebracht wurde. Wenn ihm das Blitzlichtgewitter zu viel wurde und er dem Starrummel entfliehen wollte, dann tat er das einfach mit einem beherzten Sprung zum nächsten (1,5m entfernten) Sprung!

Diverse Arten von Wallabies und ihren Verwandten, den Känguruhs, waren auch zu sehen, manche sogar so zahm, dass man sie mit füttern durfte. Sehr freundlich in dieser Hinsicht war ein Kakadu, der Caro nicht nur mit „Hello Darling!“ begrüßte, sondern auch noch in bestem Englisch fragte „Have a cracker?“. Er war aber auch mit Känguruh-Futter (im Westlichen getrocknetes Gras) zufrieden.

Besonders gefreut haben wir uns auch darüber, ein Wombat in Aktion zu sehen. Diese nächsten Verwandten der Koalas leben auf dem Boden, sind sehr stark und kompakt, und schlafen tagsüber. Wenn sie nicht mal neugierig nach den Besuchern am Zaun schauen, um dann wieder ihren Schlafplatz zu richten und weiterzuschnurcheln. Vielleicht hat ihn der benachbarte Echidna geweckt, ein kleines Stacheltier mit spitzer Nase, das eigentlich auch nachtaktiv ist, aber im Mulch nach Fressbarem wühlte.

Vor lauter Tiergeschichten könnte man vergessen, dass wir ja in der Millionenstadt Sydney waren. Da gibt es natürlich auch so viele andere Dinge zu sehen: der Hafen, die Harbour Bridge (von den Einheimischen wegen ihrer Form liebevoll „The Old Coathanger“ genannt), und natürlich das Opernhaus, gegen dessen einst umstrittenen Entwurf und die anschließende  turbulente Baugeschichte Stuttgart 21 als trivialer Witz erscheinen wird. Das Opernhaus ist toll. Von außen: die Sonne weiß erst, wie schön ihr Licht ist, wenn es vom Opernhaus reflektiert wird. Steht dort zu lesen. Von innen: die strahlend weißen Kacheln außen werden von nacktem Beton und einem eher düsteren Bau mit niedrigen Decken kontrastiert. Außer in den beiden hohen Konzertsälen, die vollständig mit Holz verkleidet sind, und in denen die roten Sitzpolster so beschaffen sind, dass sie ungefähr so viel Schall schlucken, wie ein Mensch. Falls Plätze frei bleiben, was selten der Fall ist. Und natürlich als Opernhaus: wir haben das Lieben und Leiden von „La Bohème“ im ausverkauften Saal miterlebt und waren begeistert. Was vielleicht auch an den Plätzen in der zweiten Reihe lag…

Und damit ist unsere Australienreise auch schon am Ende. Heute haben wir noch einen Tagesausflug nach Katoomba in die Blue Mountains gemacht, wo die „Three Sisters“ zu Hause sind. Sie wurden versteinert, um einer Entführung zu entgehen (so besagen es die Legenden der Aborigines), und stehen heute als hohe Sandsteinsäulen in einem Regenwaldtal. Morgen fliegen wir noch einmal über den roten Kontinent, und nach einem kurzen Zwischenstopp in Singapur geht es zurück in den deutschen Winter. Ohne Koalas. Ohne Dugongs. Aber vielleicht mit einem Opernbesuch…

Sydney, Aquarium, Koala Park Sanctuary, Katoomba

Rainbow Six

Schon auf der Segeltour hatte sich erster Regen unangenehm bemerkbar gemacht, aber erst auf der nächsten Tour wurde er zum Showstopper. In Hervey Bay, unserem Hafen für die Überfahrt nach Fraser Island, erschien der Regen noch als schöner Regenbogen auf dem Meer. Allerdings genau in der Richtung, in die auch unsere Fähre fahren würde.

Fraser Island ist eine langgezogene Sandinsel, etwa 120km lang und 25km breit. Bis auf eine Felsformation besteht die Insel wirklich nur aus Sand, was an sich schon besonders ist. Auf Fraser gibt es dazu sehr unterschiedliche Vegetationen, von tropischem Regenwald (der auf reinem Sand eigentlich nicht gedeihen kann) über Eukalyptuswälder und Buschland bis hin zu einer Wüste, die eigentlich eine große Wanderdühne ist. Das alles wird von einem gigantischen Süßwasserdepot unter der Insel gespeist, das drei Mal so viel Wasser enthält wie der gesamte Hafen von Sydney. Sogar Seen und Flüsse haben sich auf dem Sand gebildet – eigentlich auch undenkbar, denn das Wasser müsste sofort im Sand versickern. Schichten aus Blättern und Pflanzenteilen dichten den Boden an einigen Stellen aber so ab, wie die Plastikfolie den Gartenteich.

Fraser ist weitgehend unbewohnt und wurde zwecks Holzfällerei erschlossen, die aus Naturschutzgründen aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr praktiziert wird. Ein Straßennetz gibt es nicht, nur die Sandpisten, die von den Holzfällern für Pferdekarren in den Wald geschlagen wurden, werden heute als Straßen genutzt – nur befahrbar mit einem wirklich guten Allradantrieb. Unser Tourbus hatte so einen, hergestellt von MAN in Deutschland, wie unser Guide Warren betonte. Die Fahrt über die Sandpisten fühlt sich an wie ein Flug bei schlimmen Turbulenzen. Etwas angenehmer ist es auf dem 75-Mile-Beach, einem offiziellen australischen Highway, der wegen der vorherrschenden Strömung zum Baden sowieso nicht geeignet wäre.

Im Bus haben wir allerdings die meiste Zeit verbracht. Schon das erste Highlight, der Lake McKenzie, der auf Postkarten kristallklar und in der Mitte dunkelblau aussieht (und den ich auch schon so gesehen habe), zeigte sich uns in einem unschönen graugrün, denn er reflektiert die Farbe des Himmels. Für ein kurzes Bad reichte es noch, dann fing es an zu regnen. So richtig. Und es hörte im Wesentlichen 10 Tage lang nicht mehr auf.

Am zweiten Tag der Fraser-Tour konnte Warren uns noch in ein paar Wolkenlöcher navigieren, so dass wir zumindest einige Sehenswürdigkeiten erleben konnten. Im Eli Creek, einem der kleinen Flüsse auf Fraser, kann man sich einfach ins kühle und glasklare Wasser legen und 200m weit an den Strand treiben lassen, wo der Creek ins Meer fließt. Ganz in der Nähe ist vor bald 80 Jahren ein ehemaliger Luxusliner nach bewegter Lebensgeschichte wortwörtlich auf Sand gelaufen. Damals ragte das Schiff noch etliche Stockwerke über den Strand, heute sind kaum noch zwei Meter des rostigen Gerippes zu sehen.

Vom Indian Head, der einzigen Steinformation der Insel, hat man einen guten Überblick über den 75 Meilen langen Strand. Wir konnten sehr schön beobachten, wie der südliche Teil vom Regen eingenebelt wurde. Insofern waren wir zwar traurig, dass wir Fraser nicht von ihrer strahlenden Seite sehen konnten, aber wir waren nicht ganz so traurig, die Insel wieder zu verlassen. Hätten wir gewusst, was uns wettermäßig noch erwartet, wären wir lieber geblieben.

Fraser Island, Byron Bay

Der nächste Stopp auf unserer Reise war Noosa, wo wir eine Kanutour durch die Everglades (ausgedehnte Sümpfe, genau wie ihre amerikanischen Namensvettern) unternehmen wollten, und dann noch ein paar Tage am Strand entspannen. Dummerweise war das schlechte Wetter mit uns rückwärts gereist, und statt Sumpf und Strand hatten wir nun vier Tage Zeit zum Lesen. Wenigstens war das Hostel sehr schön. Der Regen war so penetrant, dass ich in Noosa kein einziges Foto geschossen habe.

Danach ging es weiter nach Byron Bay, dem Bade- und Surferparadies. Zumindest bei gutem Wetter. Wir wurden zwar von einer tollen Brandung begrüßt, aber der dunkle, wolkenverhangene Himmel lud nicht gerade zum Baden ein. Die Surfer hat das allerdings nicht abgehalten.

Auch hier hatten wir ein tolles Zimmer, und Paddy, unser Vermieter, war ein echtes Aussie-Original, der eigentlich nur zwei Sätze kannte: „No worries!“ und „Good on ya, mate!“. Mit seinem guten Humor („At least you won’t forget your stay here.“) hat er uns ein bisschen durch die Regentage geholfen. Und in den kurzen Regenpausen haben wir auch etliche exotische Tiere beobachten können. Nachmittags besuchte uns im Garten ein großer Lizard, der vor lauter Neugier fast in unser Zimmer gelaufen wäre (und er kann auf seinen Hinterbeinen verdammt schnell laufen!). Und im Baum vor unserem Haus tummelte sich abends eine ganze Kolonie bunter Vögel, die sich mit lautem Gezanke gegenseitig von Ast zu Ast jagten.

Immerhin einen Tag machte das Unwetter Pause, und wir konnten uns mit geliehenen Fahrrädern schnell die Byron-Highlights anschauen; vor allem den östlichsten Punkt des australischen Festlandes, der auf einer steilen Klippe mit einem markanten weißen Leuchtturm liegt und einen guten Ausblick auf das Meer und die Strände von Byron Bay bietet. Zum Baden sind wir dann auch noch gekommen.

Statt Happy End in Byron überbrachte uns der Fahrer unseres Greyhound-Busses am Abreisetag aber eine Hiobsbotschaft: er führe nicht nach Port Macquarie, unserem nächsten Ziel, denn durch das tagelange Unwetter sei der Pacific Highway überschwemmt und die Route nach Süden nicht befahrbar. So mussten wir wohl oder übel umplanen, uns erst mal eine weitere Nacht bei Paddy einbuchen, und dann einen Flug von Byron direkt nach Sydney buchen. Eine gute Entscheidung, denn der Highway blieb noch einige Tage gesperrt…

Mosquito Coast

1. Cairns, Green Island und Kuranda

Aus der trockenen Hitze geht es weiter in die Tropenhölle – naja, ganz so schlimm ist es nicht, es ist zwar feucht in Cairns, aber nicht unerträglich heiß. Ein Ventilator im Zimmer ist aber das Mindeste, um halbwegs gut schlafen zu können.

Cairns begrüßt uns ganz Jahreszeit-gerecht mit dicken Wolken und gelegentlichen Schauern. Die Regenzeit geht dem Ende entgegen, aber sie ist noch nicht vorbei. Das Neonlicht der Restaurants an der Strandpromenade spiegelt sich auf dem nassen Asphalt und erinnert uns an den Ocean Drive in Miami Beach. Nur der Strand fehlt – das bisschen, was es gibt, ist unansehnlich, und wegen der Quallen kann man an der Nordostküste Australiens zu dieser Jahreszeit nicht beruhigt Baden. Die beiden tödlichsten Quallenarten leben hier, dazu kommen einige Exemplare, die von Brennessel-Pieksern bis hin zu schlimmen Schmerzen alle möglichen Unannehmlichkeiten auslösen können. Um das Strandproblem zu kompensieren hat Cairns einen großzügigen öffentlichen Pool, in dem es sich bis spät Abends entspannt baden lässt.

Da sich die Quallen vorwiegend in Küstennähe und nicht so sehr um Inseln herum aufhalten sind sie kein Problem für unseren Tagestrip nach Green Island. Die winzige Insel liegt am Rande des Great Barrier Reef und nur eine Stunde von Cairns entfernt. Hier kann man schnorcheln und Korallen und bunte Tropenfische beobachten, ohne sich auf den offenen Ozean wagen zu müssen. Man kann die Insel auch in etwa einer halben Stunde zu Fuß umrunden. Ich bin zum dritten Mal hier, und zum dritten Mal komme ich nicht dazu. Das Leben im Meer ist doch zu spannend.

Als wir auf der Insel ankommen ist erst mal gar kein Strand da – die Sonnenliegen stehen fast im Dschungel. „Today’s the highest tide of the year. But no worries, mate, it’ll be gone soon.“ Wir können dem Wasser auch fast beim zurückweichen zuschauen, schon nach einer Stunde ist ausreichend Strand vorhanden. Den brauchen wir aber kaum, die meiste Zeit sind wir im Wasser und beobachten kleine gelbe Fische, mittelgroße bunte Fische, große silberne Fische, ziemlich große blaue Fische. Und schließlich eine extrem große Meeresschildkröte, die durch das Wasser gleitet, wie eine Möwe durch den Seewind. Ich kann kaum so schnell hinterherschwimmen, während sie sich „im Flug“ kleine Quallen einverleibt.

Das dicke Ende unseres Ausflugs kommt am Abend: Sonnenbrand. Dabei haben wir so aufgepasst, aber beim Schnorcheln hilft für uns Weißkäseeuropäer wohl nur ein Ganzkörperanzug. Aber der nächste Tag wird diesbezüglich unproblematisch: ein Ausflug mit der Skyrail, einer Seilbahn durch und über den Regenwald, beginnt im Regen. Was im Regenwald wirklich stilecht ist, vor allem wenn der Regen nachlässt und alles im Dunst verschwindet.

Wir bekommen Regenschirme und eine Führung von einem Aborigene-Ranger. Der hält die Schirme aber für überflüssig („It’s not raining, mate!“ – ich möchte gar nicht wissen, ab wann er Regen als Regen betrachtet) und erklärt uns, welche Regenwaldfrüchte wir zum Essen, Würzen oder als Wasserquelle benutzen können, oder um Leute, die uns nerven, für zwei Stunden blind zu machen.

Der Ort Kuranda, in dem die Seilbahn endet, ist als Hippie-Kommune und durch seine Kunsthandeerksmärkte bekannt geworden. Inzwischen gibt es hauptsächlich Touri-Nepp, und wir sind froh, als wir mit der historischen Scenic Railway durch die Berge und vorbei an Wasserfällen zurück nach Cairns rattern können.

2. Whitsunday Islands

Der nächste Stopp in Airlie Beach ist „nur“ eine zwölfstündige Nachtbusfahrt entfernt, und Airlie dient uns auch nur als sprichwörtlicher Hafen für eine zweitägige Segeltour durch die Whitsunday Islands. Der eher wortkarge und sarkastische Kapitän Simon und seine quirlige erste Offizierin Megan heißen uns und 12 weitere Passagiere aus Schweden, England, Deutschland und den USA auf der Southern Cross, einem ehemaligen Rennboot willkommen und sorgen für gute Laune und gute Aussicht. Die Whitsundays sind eine Gruppe von 70 fast unbewohnten grünen Tropeninseln. Wir segeln, schnorcheln, entspannen an Deck, helfen beim Segel setzen und genießen den Sonnenuntergang.

Der Whitehaven Beach, den wir auch ansegeln, gehört zu den Top-5-Stränden der Welt. Der weiße Sand dort besteht zu 98% aus Quarz und ist so fein, dass die NASA angeblich einige Tonnen davon gekauft hat, um daraus die Linsen des Hubble Space Telescope zu bauen. Unser Badenachmittag dort wird doppelt feuchtfröhlich – von unten kommt warmes Ozeanwasser, von oben kalter Regen. Aber Dank unserer lustigen Gruppe kommt nie schlechte Laune auf, und am Ende werden wir doch noch mit Sonne und einem tollen Ausblick auf das blaugrüne Meer versöhnt.

Die Nacht auf dem Boot ist anstrengender, als eine Nacht im Bus. Unter Deck ist es heiß, und als es anfängt zu regnen und die Luken geschlossen werden müssen wird es unerträglich stickig. Ich kann so nicht schlafen und lege mich an Deck, wo der Regen schon nachgelassen hat. Als der Himmel aufreißt und die Sterne zum Vorschein kommen kann ich dennoch nicht schlafen. Fernab der Zivilisation und ohne Licht um mich herum erscheinen so viele Sterne, dass ich mich gar nicht sattsehen kann. Die Milchstraße ist ein dickes Band, dass sich quer über den Himmel zieht. Da kann mich auch die nächste dicke Wolke und der kurze Regenschauer, den sie mitbringt, nicht unter Deck treiben.

Green Island, Kuranda, Whitsunday Islands Sailing Trip

Red Faction

Aus der Millionenstadt Perth nahmen wir den Flieger in eine weniger dicht besiedelte Gegend – das Red Centre, das rote Zentrum Australiens, wo roter Sand die Steppenlandschaft praegt. Das Outback, wie die Australier die abgelegenen Gegenden nennen, die den groessten Teil des Kontinents einnehmen, ist aber keine Wueste, sondern mit Straeuchern, Bueschen und gelegentlichen Baeumen bewachsen. Wir sind natuerlich hergekommen, um DAS Wahrzeichen Australiens, den Ayers Rock zu sehen, der inzwischen fast ueberall mit dem Namen bennant wird, den die Aborigines, die „traditional owners“ ihm gegeben haben: Uluru.

Da es keinen direkten Flug von Perth gibt muessen wir noch einen kleinen Zwischenstop in Alice Springs einlegen, der einzigen Stadt im Umkreis von gut 1000 Kilometern. Dort ist es wie erwartet heiss, trocken, die Geschaefte machen alle um 17 Uhr zu und es gibt auch sonst nicht viel zu sehen. Mit seinen 25000 Einwohnern ist ALice Springs ein ziemliches Kaff. Also bleiben wir nur eine Nacht und sehen dann endlich den dicken roten Klotz, der voellig deplatziert aus der platten Ebene hervorragt. Der Uluru ist ein Monolith, der so hoch aus dem Boden hervorragt, wie das Empire State Building – was man aus der Entfernung wegen seiner langgezogenen und abgerundeten Form gar nicht vermuten wuerde. Erst wenn man direkt davor steht und nur noch eine steile Felswand sieht bekommt man ein Gefuehl fuer die Groesse. An manchen Stellen geht es auch in vergleichsweise flacher Steigung nach oben. Man kann den Uluru sogar besteigen, dies wird jedoch von von den Ureinwohnern nicht gerne gesehen, denn fuer sie ist der Felsblock aus verstaendlichen Gruenden ein Heiligtum – wegen seiner majestaetischen Besonderheit, und weil sich bei den seltenen Regenfaellen das wertvolle Wasser an seiner Basis sammelt.

Schon wegen der Hitze von 42 Grad halten wir uns lieber im Schatten des Fesen auf. Die Empfehlung lautet, hier alles Wichtige vor 11 Uhr morgens zu erledigen. Also stehen wir um 4:30 auf, um den Sonnenaufgang am Uluru zu beobachten. Der faellt wegen der diesigen Luft nicht ganz so spektakulaer aus – statt in leuchtendem Rot erscheinen die Felsen eher in einem erdigen Braun – was die drei Busladungen voller Touristen nicht davon abhaelt, sich mit uns auf eine kleine Aussichtsplattform zu draengen. Danach schauen wir uns das zweite Heiligtum in dieser Gegend an. Nur 50 Kilometer entfernt und am Horizont als duestere Schatten sichtbar ist eine andere Felsformation, The Olgas, oder in der heimischen Bezeichnung: Kata Tjuta. Diese langgezogene Kette von Felsdomen sieht auf den ersten Blick dem Uluru vom Material her aehnlich, aber es sind keine Monolithen, sondern Konglomerate, bestehen also aus zusammengepressten Einzelsteinen, was man bei naeherem Hinsehen auch gut erkennen kann.

Es gibt mehrere Pfade durch die Taeler von Kata Tjuta. Wir entscheiden und fuer das „Valley of the Winds“, wo wir auch gleich von einer angenehmen Brise begruesst werden. Der Wanderweg zum Aussichtspunkt braucht eine gute Stunde und wird um 11 Uhr wegen der Hitze geschlossen, aber als wir losgehen ist es erst 8, also genug Zeit fuer einen entspannten Marsch. Die aufragenden Felswaende rechts und links erinnern und an den Grand Canyon, aber nur wegen der Farbe und der Lufttemperatur, von der Beschaffenheit her sind sie ganz anders als die gestreiften Gesteinsschichten im Colorado-Tal. Eher zufaellig wandern wir zusammen mit einem ruestigen amerikanischen Rentnerpaerchen, die noch nie am Grand Canyon waren, und die uns als „very handsome couple“ bezeichnen und wieder mal bestaetigen, dass reisende Amerikaner freundliche Menschen sind. Ausserdem begegnen wir ganz unerwartet in den Schluchten einer enorm lebendigen Fauna – ein Wallaby (ein kleiner Verwandter des Kaenguruhs) mit „Joey“ in seinem Beutel freut sich an einem Rastplatz ueber die Wanderer, denn die drehen den dort installierten Wasserhahn auf, um ihre Flaschen zu fuellen, und das Wallaby stillt seinen Durst mit dem Wasser, das auf den Boden tropft. Ebenfalls durstig ist ein Schwarm schimpfender Zebrafinken, die nur darauf warten, dass Menschen und Wallaby die Bar freigeben. An einem anderen Aussichtspunkt schauen wir einer grossen Echse zu, wie sie emsig und zielsicher ein Loch in den roten Sand graebt und irgendeinen Leckerbissen daraus hervorzieht.

Das rote Zentrum ist abgelegen, aber dennoch die Reise wert. Viele Australier interessieren sich nicht dafür („It’s just a big rock!“), doch wir finden: man hat Australien nicht richtig gesehen, wenn man den Uluru nicht gesehen hat. Aus jeder Perspektive und zu jeder Tagesszeit sieht er ein bisschen anders aus, die Farbe veraendert sich von verschiedenen Rot- und Braunschattierungen bis zu einem drohenden Schwarzblau nach Sonnenuntergang. An manchen Stellen wirkt der Fels fast ausserirdisch – statt Verschwoerungstheorien ranken sich aber die Schoepfungsgeschichten der Aborigenes um diesen mystischen Ort, wie zum Beispiel der Kampf zwischen Kuniya, der Woma-Python, gegen Liu, die Giftschlange.

Uluru, Kata Tjuta

Sim City

Long time no see… Reisetrubel und vor allem ein defektes Handy haben mich daran gehindert, ausfuehrlich von der weiteren Reise zu berichten. Das Handy geht teilweise wieder, und das Wetter ist gerade so schlecht, dass wir in Noosa im Hostel festsitzen, die Waesche draussen auf der Leine zum sechsten Mal durch Tropensturzregen gewaschen wird und ich mit den Reisebereichten etwas aufholen kann.

Die restliche Zeit in Perth war noch sehr schoen, vor allem war das Wetter bombig. Eine Wolke am Himmel war eine regelrechte Sensation, meistens spannte sich nur eine glattblaue Flaeche von Horizont zu Horizont – was auf die Dauer auch ermuedend sein kann, ploetzlich vermisst man das europaeische Mischwetter (angesichts des Regens draussen vermisse ich jetzt allerdings eher die Perth’sche Sonne…). Perth selbst wirkt an manchen Ecken wie Sim City – aufgeraeumt, geplant, sauber. Der King’s Park nahe des Stadtzentrums bietet eine tolle Aussicht ueber die Skyline und ist eine riesige Gruenanlage mitsamt bontanischem Garten und australischem Buschland – so gross, dass sich schon mal jemand darin verlaufen hat und verdurstet ist… Wir sind nicht so weit gewandert und haben uns an die regulaeren Wege gehalten, wie zum Beispiel den Treetop Walk, eine Bruecke durch die Baumwipfel des Parks. In den Abendstunden haben wir im Park gepicknickt – ein beliebtes Hobby der Australier, und sehr angenehm, wenn die Hitze des Tages nachlaesst.

In der Umgebung von Perth gibt es nette Orte zu entdecken. In Freemantle, dem Hafen der Stadt, gibt es Maerkte mit allerlei Touri-Nepp, aber vor allem auch jede Menge lokalem Obst und Gemuese. Frische Mangos oder Passionsfruechte schmecken hier wirklich saulecker, kein Vergleich mit der Auswahl im deutschen Supermarkt. In Australien ist auch Cider recht verbreitet, und eine Mosterei haben wir besucht. Die Lage in einem kleinen Tal erinnerte uns etwas an das Napa Valley in Kalifornien, und auf der schattigen Aussenterrasse liessen sich die verschiedenen Cider-Varianten von Apfel/trocken bis Birne/suess gut geniessen.

Ein etwas spektakulaereres Ausflugsziel waren die Pinnacles, eine Mini-Wueste direkt an der Kueste, die von saeulenartigen Gesteinsformationen gepraegt wird. Fruehe Seefahrer, die die Pinnacles vom Schiff auf sahen, vermuteten hier die Reste einer antiken Siedlung. Tatsaechlich sind die Steinsaeulen aber natuerlichen Ursprungs, nach der aktuell herrschenden Theorie handelt es sich um die versteinerten Reste eines ehemaligen Waldes, die durch Erosion freigelegt wurden.

Natuerlich sind sind wir auch der lokalen Tierwelt begegenet. Kakerlaken haben wir zum Glueck nur ausserhalb des Hauses gesehen, und die aehnlich unheimliche Maulwurfsgrille ist uns beim Waesche aufhaengen um die Fuesse gelaufen. Die Netze der gefaehrlichen Redback Spider sind in den australischen Gaerten allgegenwaertig, aber vom Anblick der Spinne blieben wir verschont. Stattdessen haben wir uns lieber mit freundlicheren Tieren beschaeftigt, zum Beispiel dem Kookaburra, einem grossen weiss-braunen Vogel mit blauen Flecken, der seinen Namen wegen seines lachenden „Gesangs“ traegt; und natuerlich den Kaenguruhs – in Perth leben sie tagsueber im schattigen Buschland und versammeln sich zur Abenddaemmerung auf einem Friedhof, um dort zu grasen. Eine idyllische Szene!

Perth, Freemantle

First Contact

Während die Ostküste gerade im Unwetter abgesoffen ist sind wir froh, dass wir auf der anderen Seite Australiens starten. Wir sind halbwegs aklimatisiert, der schlimmste Jetlag ist überwunden und die Aufregung bei den Neffen hat sich auch etwas gelegt – außer heute morgen beim Aufwachen, als wir uns schon zu unserem ersten Ausflug nach Rottnest Island aufgemacht hatten und die Kinder fürchteten, wir wären schon wieder abgereist.

wpid-Quokka-rs.jpg Die kleine Insel Rottnest vor der Küste von Perth kann man an einem Tag bequem mit dem Fahrrad umrunden. Als Ferienziel ist sie so beliebt, dass die Übernachtungsplätze unter den hiesigen Familien jedes Jahr in einer großen Lotterie verlost werden. Der Name Rottnest wurde der Insel von Siedlern wegen der hier beheimateten possierlichen Tierchen mit Rattenschwanz verpasst, die heute ebenfalls vom Tourismus leben. Tatsächlich handelt es sich dabei um sehr kleine Verwandte des Känguruhs mit dem Namen Quokka.

wpid-Quokka-caro.jpg Ein eher unrühmlicher Punkt in der Begegnungsgeschichte mit den Menschen war der Tag, an dem fiese Zeitgenossen mit einem der Tiere Fußball spielten – allerdings nicht als Duell, sondern mit dem Quokka als Ball. Wegen diesem als ‚Quokka Soccer‘ in die Geschichte eingegangenem Vorfall lehnen die pelzigen Insulaner die Teilnahme an Fußballmeisterschaften aus Protest ab und konzentrieren sich stattdessen auf neugierige, entspannte und ausgesprochen fröhliche Art um die anreisenden Touristen, in dem sie sich zunächst der Spannung halber rar machen, dann aber scharenweise für allgemeine Begeisterung sorgen.

wpid-Ricey-beach.jpg Unser erstes Quokka begegnete uns allerdings schon im Vorraum des Fahrradverleihs. Das übrige Personal war ähnlich freundlich, so dass wir schnell losradeln konnten. Die Insel ist innen trocken und heiß, außen aber von traumhaften kleinen Badebuchten mit weißem Sand und kristallklarem grünblauen Wasser umgeben. Wegen der sparsamen Vegetation gibt es praktisch keinen Schatten, und die wenigen Premiumplätze werden von relaxenden Quokkas in Beschlag genommen.

wpid-Lizard.jpg Oder von anderen einheimischen Tieren. Sonnenschutz ist auch für uns bleiche Mittwintereuropäer essentiell, immerhin ist dies der erste ganze Tag in der prallen Sonne. So wie es aussieht haben wir aber gut genug vorgesorgt, zurück zu Hause fühlen wir uns zwar müde und gut durchgegart, aber nicht angebrannt.

Reisevorbereitungen 3.0

Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude, aber vor lauter Stress in der letzten Semesterwoche mit dem Präsentationstag und der MediaNight hatte ich gar keine Muße, mich mental auf die nächste große Reise einzustellen. Auch hatte ich den gerade noch mal ernsthaft einsetzenden europäischen Winter ein bisschen lieb gewonnen und soll jetzt direkt in den australischen Sommer übersiedeln und einen Temperatursprung von 40 Grad mitmachen.

Wetter Heute morgen hatten die vielen guten Reisewünsche (Danke an euch alle!) aber endlich Zeit, durchzusickern, und wo wir jetzt noch einen halben Tag Zeit haben, um die Reisevorbereitungen in Ruhe abzuschließen, kommt auch langsam die Urlaubsfreude auf. Ehrlich gesagt werde ich das triste Grau nicht vermissen, das mir seit Jahresbeginn auf die Laune schlägt. Damit haben wir in Australien nicht zu rechnen, denn die Wettervorhersage ist… sagen wir mal „ermutigend“. :-)

Die Reisevorbereitungen werden immer seltsamer, das eigentliche Packen von Kleidung und Accessoires ist nur noch Nebensache. Viel aufwändiger ist die „elektronische“ Vorbereitung. Alle Reiseinfos haben wir in den vergangenen Monaten in einem Wiki gesammelt, aus dem wir jetzt angesichts der Menge an Material ohne viel Aufwand einen handlichen Reiseführer produzieren könnten. Gebucht ist alles im Voraus, egal ob Unterkünfte, Busfahrten, Touren, das geht ja alles einfach per Internet – aber trotzdem habe ich jetzt 20 Seiten Papier ausgedruckt, damit ich alle Bookings, Reservations, Vouchers dabei habe, die ich auf der Reise doch schwarz auf weiß vorzeigen muss.

Dazu kommt die Vorbereitung des Spezialequipments. Das Handy ist die Schaltzentrale für alles. Statt den Stadtplan einzupacken habe ich Mapsforge-Karten auf’s Handy geladen, die sowohl bei der allgemeinen Orientierung als auch beim Geocaching helfen werden. Die Cache-Daten wurden schon automatisiert per Mail angeliefert. 13 Pocket Queries für die verschiedenen Stationen habe mich einiges an Google-Maps-Arbeit gekostet und werden uns eine handliche Auswahl aus ca. 3307 Caches bieten. Das Handy musste schon testweise in unserer Wanne Baden gehen, um die wasserdichte Hülle für mögliche Unterwasserschnappschüsse auf Tauglichkeit zu prüfen. Ein neues Adapterkabel verbindet den Kartenleser mit dem Handy, damit die Bilder von der Spiegelreflexkamera auch von unterwegs im Internet landen können, rudimentäre Bildbearbeitung der 15MP-Bilder auf dem Handy eingeschlossen.

Als ich mich beim gestrigen Gute-Reise-Telefonat noch über den defekten Autofokus an meinem Teleobjektiv ausließ schlug meine Mutter überraschend vor, ich könne ja auch ab und zu einfach mal nicht durch die Kamera schauen und die Landschaft mit eigenen Augen genießen. Das scheint mir doch ein sehr avantgardistischer Ansatz zu sein, aber ich werde ihn zumindest ausprobieren. Auf unserer geradezu schon klassischen Route gibt es ja auch ein bisschen was zu sehen:

Wir fangen links unten in Perth an und werden meine Schwester Isabel, Matthew und meine Neffen Max und Tim besuchen, und natürlich Hütehund Bella und die Hühner! Dann geht’s weiter mit dem Flieger nach rechts oben – mit einem Zwischenstop im „Red Center“ am Uluru, früher bekannt als Ayers Rock, dem Wahrzeichen Australiens in der Mitte des Kontinents. Von Cairns, dem nördlichsten Punkt auf unserer Ostküstentour, reisen wir dann per Bus etappenweise über Airlie Beach und die Whitsunday Islands, Hervey Bay und Fraser Island, Noosa und die Everglades, das Surfer-Paradies Byron Bay und Port Macquarie mit seinem Koala-Hospital bis nach Sydney. Auf dem Rückflug gibt es dann noch einen kleinen Stop-over in Singapur, und wenn wir dann aus den Tropen zurückkehren, ist hier vermutlich immer noch Winter.

Ich wünsche euch, dass hier auch mal die Wolkendecke aufreißt und ein paar schöne Schnee-mit-Sonne-Tage die Farbe zurück in die Welt bringt. Ich verabschiede mich derweil ins subtropische Blaugrün und den roten australischen Sand und halte euch auf dem Laufenden. Über elektronische Reisepost und Facebook-Kommentare freue ich mich natürlich und werde versuche, ab und an auch zu antworten.

The Grand Finale

Long winding road, where will you lead me?
As far west as man can go before he starts heading east…
San Francisco – but where from there?

Pendragon: The Voyager (1991)

Das ist also San Francisco. Wofür steht diese Stadt eigentlich? Das Goldene Tor in den endlosen Westen, mit der Golden Gate Bridge als meistfotografierter Brücke der Welt? Die späte Beat Generation der 50er? Die Hippie-Kultur und der Summer of Love 1967? Bullit, Dirty Harry und Verfolgungsjagden auf steilen Straßen? Alcatraz? Die zweitdichtbesiedeldste Stadt Nordamerikas mit beschaulichen viktorianischen Häuschen und Wolkenkratzern? Offene grüne Parks und Strandpromenaden? Ich kann mich in einer Woche San Francisco gar nicht entscheiden, was mir am besten gefällt. Ich bin leicht erschlagen von der Vielfalt, und auch ein bisschen müde von der langen Reise. Ich würde die Stadt gerne mal in Ruhe und mit der Möglichkeit erkunden, dem Touristenstrom zu entgehen und spannende Ecken abseits zu entdecken.

Nach der Woche Yosemite und noch zwei kleinen Abstechern an die (von Touristen mal abgesehen) einsame und extrem malerische Küste des Big Sur sowie das vom Weinbau geprägte Napa Valley ist die Freude auf hektisches Stadtleben groß. Die volle Kelle gibt’s dann auch gleich beim Wegbringen des Mietautos. Ich hatte damals Angst vor dem Straßenverkehr von Manhattan, aber der ist ein Klacks gegen die verworrenen und verqueren Einbahnstraßen von San Francisco! Und weil unser Autoverleih schon geschlossen hat müssen wir einige Male hin- und hergurken, bis wir einen passenden Parkplatz für schlappe 20 Dollar pro Nacht gefunden haben. Ich bin ehrlich froh, als ich den Autoschlüssel abgeben und wieder mit dem Bus fahren kann.

Unsere Gutwetterglückssträhne setzt sich nach kurzer Unterbrechung fort. Die Einheimischen versichern uns, dass es die wärmste Woche des Jahres ist, und die Probleme anderer Reisender, die die Golden Gate Bridge nie ohne Nebel gesehen haben, können wir nicht nachvollziehen: strahlend blauer Himmel, angenehme Wärme um die 24 Grad, kein Nebel weit und breit. Nach zwei Besuchen direkt an der Brücke schieben wir den Panorama-Blick über die Bay dann bis zum Ende der Woche raus. Bis dahin hat es sich leicht abgekühlt, und als ich mein Stativ am Pier des Golden Gate Yacht Club aufstellen will ist gar keine Brücke mehr da! Ok, jetzt habe ich das mit dem Nebel auch verstanden.

Aber unsere Besuche an anderen Touristenattraktionen bleiben wolkenlos. Die Seelöwenkolonie am Pier 39 sonnt sich fast regungslos die Bäuche; nur wenn sich ab und zu ein Frechdachs einen besseren Platz erdrängeln will bellen die Platzlöwen empört. Das ehemalige Hippie-Viertel Haight Ashbury ist in der Vormittagssonne ziemlich regungslos – vermutlich schlafen die Hippies noch. Bei gutem Wetter stehen wir gerne in der langen Schlange, die auf ihren Einstieg in die Cable Car wartet. Chinatown bei Sonnenschein macht den Geruch von getrocknetem Fisch und allerlei Gewürzen auch für mich erträglich.

Auch der Ausflug auf die ehemalige Festung und spätere Gefängnisinsel Alcatraz ähnelt eher einem Tag auf der Insel als einem Tag im Knast. Das Gefängnis ist schon seit 1963 nicht mehr in Betrieb und für Besichtigungen gut ausgebaut. Eine mal wieder gelungen Audiotour mit Zeitzeugenkommentaren von ehemaligen Häftlingen und Wärtern bringt uns das Gefängnisleben näher. Historisch gesehen war die Zeit der Insel als Staatsgefängnis mit 29 Jahren die kürzeste, durch die namhaften Insassen wie Al Capone aber auch die bekannteste. Die Aussicht auf San Francisco, die Bucht und die Golden Gate Bridge ist einmalig, die Gefängnisinsassen hatten davon allerdings nichts.

Ein Stück Heimat in der Fremde: Wir treffen Lars, Alex und Sebastian – drei MI-Studenten, die gerade in San Francisco bzw. Palo Alto ihr Praxissemester machen. Ja, ich nehme meine Arbeit sehr ernst und betreue unsere Studenten auch über weite Entfernung hinweg! Ob ich das nachträgich noch als Dienstreise verbuchen kann…? :) An diesem Abend betreuen wir uns aber eher gegenseitig. Wir können ein paar Tips für Ausflugstouren ins Inland geben, die Jungs hingegen statten uns mit Vor-Ort-Infos aus. Und erzählen uns vom Baseball. Wir haben auch schon Karten für ein Spiel: Oakland Athletics vs. Texas Rangers. Oakland liegt gerade gegenüber auf der anderen Seite der Bucht.

Da Baseball-Spiele keine Zeitbegrenzung haben und lange dauern können statten wir uns für ein kleines Picknick aus, und im Fanshop mit den Mannschaftsfarben. Go, Athletics, Go! Dummerweise sind die Athletics, oder, wie sie hier genannt werden, The A’s, die größte Gurkentruppe seit den Indianern von Cleveland. Texas schlägt sie locker mit 7 zu 2 Runs. Die meiste Zeit ist weder ein Ball in der Luft noch ein Läufer auf dem Base. Die Ränge im Stadion sind dünn besetzt. Es ist auch schon das Ende der Saison, erfahren wir später, da sind alle etwas müde. Trotzdem macht es Spaß, sich das Spiel anzugucken, und wir werden Baseball weiter im Auge behalten. Passend zum Thema schauen wir am Ende des Urlaubs auch noch den neuen Brad-Pitt-Film „Moneyball“ im Kino an, der sich mit der (wahren) Strategie des Managements der A’s beschäftigt, durch statistische Analysen und gegen alle Baseballtraditionen Spieler zu finden, die keine hohe Popularität und daher keinen hohen Marktpreis, aber trotzdem einen hohen Spielwert haben, und so kostengünstig eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen. Im Jahr 2011 ist ihnen das aber wohl nicht so gut gelungen.

Als kulturelles Highlight schauen wir uns noch den Weltklasse-Jazzsaxophonisten Branford Marsalis mit seinem Quartet in Yoshi’s Jazzclub an. Clubkonzerte sind echt cool: wir zahlen 20 Dollar Eintritt, sitzen drei Meter von der Bühne entfernt, und bekommen 75 Minuten Jazz vom Feinsten auf die Ohren – mehr wäre auch gar nicht nötig. Schade, dass es diese Tradition Konzerte zu spielen in Deutschland zumindest für namhafte Künstler nicht gibt. Die Atmosphäre ist fast familiär, das Publikum eher gestandenen Alters, aber von leger bis elegeant ist alles dabei. Vorher genießen wir noch ein exzellentes Essen in Yoshi’s japanischem Restaurant. Ein rundum hochwertiger Abend.

Genau wie der ganze Urlaub: rundum spektakulär. Nun sind die fünfeinhalb Wochen rum. Ein bisschen schade ist es schon, dass wir wieder aufbrechen müssen. Die letzte Woche im Green Tortoise Hostel, dem coolsten Hostel in San Francisco, war schön. Trotzdem freue ich wieder auf einen festen Wohnsitz. Und meine 3600 Fotos werden mir noch lange schöne Erinnerungen bescheren.

Nerdhausen

Ohne Worte… mit Gruß an die MI-Homies.

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Auf den Spuren von John und Ansel

How many mouths Nature has to fill,
how many neighbors we have,
how little we know about them,
and how seldom we get in each other’s way!

John Muir: My first summer in the Sierra (1869)

Eine Woche verbringen wir im Yosemite National Park. Schon seit Wochen ist in mir eine große Vorfreude gewachsen, und in den letzten Tagen, die entweder von Beton- oder von echten Wüsten geprägt waren, habe ich mich umso mehr auf weite grüne Wiesen, üppige Wälder, wilde Bachläufe und gigantische Felsmassive gefreut. Ich hatte Lust darauf, auf den Spuren von John Muir und Ansel Adams zu wandern.

Beide haben den Yosemite Nationalpark auf ihre Weise mit geprägt. Muir, der als einer der ersten amerikanischen Umweltaktivisten gilt, hat im späten 19. Jahrhundert selbst die Schönheit von Yosemite zu Fuß erkundet, um sich dann für deren Schutz in Form eines Nationalparks einzusetzen, und zwar durch Aufsätze und Bücher, die Gründung des Sierra Club, und nicht zuletzt dadurch, dass er mit dem Präsidenten im Yosemite Valley gewandert ist. Adams hat ein halbes Jahrhundert später die Schönheit durch seine berühmten Fotografien eingefangen und so den Park noch bekannter gemacht – wohlgemerkt in schwarz/weiß, was allerdings keine Einschränkung war, gilt Adams doch noch heute als Meister der Landschaftsfotografie.

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In den Fußstapfen dieser beiden Meister zu wandern erwies sich als nicht so einfach, und das nicht nur, weil sie ein paar Nummern größer sind als meine. Nach Wochen mit strahlend blauem Himmel und Sonne auch dann, wenn wir sie nicht gebrauchen konnten, begrüßte uns Yosemite auf unserer ersten Wanderung von den Tuolomne Meadows (sprich: TWO-lom-nie) zu den angeblich malerischen Cathedral Lakes mit dunklen Wolken, mit Donnergrollen über dem Cathedral Peak, und schließlich mit Regen. Laut Wetterbericht betrug die Regenwahrscheinlichkeit 30 Prozent, Tendenz über die kommende Woche steigend, mit ständiger Chance auf Gewitter. Genau so kam es dann auch, jeden Tag mindestens ein Mal Regen.

„Yosemite is so beautiful in the rain!“ Das mag ein Parkeranger finden, der sich Abends in eine feste und beheizte Behausung zurückzieht (obwohl die Jungs einen ziemlich wetterfesten Eindruck machen). In unserem geliehenen Zelt hatten wir bei nächtlichen Temperaturen unter 10 Grad leichte Startschwierigkeiten mit dieser schönen Seite des Parks. Und doch – wenn der Regen nachlässt und dicke Nebelschwaden aus den Wäldern die Granithänge des mächtigen El Capitan hochziehen, und wenn die letzten Strahlen der Abendsonne den verhangenen Half Dome in goldenes Licht tauchen, dann erschließt sich auch uns, was John Muir jederzeit, Amsel Adams jedoch eher bei gutem Wetter hergezogen hat.

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Auch die Mammutbäume des Mariposa Grove machen sich gut im Sonnenschein, wenn ihre dicke Borke rotbraun leuchtet, wie auch bei Regen, wenn sie wie einsame Riesen unbeeindruckt die Jahreszeiten an sich vorbeiziehen lassen. Zu den Jahreszeiten gehört auch alle paar Jahre ein Waldbrand, der die umliegenden Büsche und kleineren Bäume verschlingt und so den Baumhirten Luft und Licht und Dünger zum Wachsen und Vermehren verschafft. Verkohlte Rinde an der Basis der Sequoias zeugt von diesen natürlichen Vorgängen, einzelne Bäume sind sogar innen teilweise ausgebrannt und stehen nur noch auf dem äußeren Rand, der ohnehin der Teil ist, der Wasser und Nährstoffe bis zu 120 Meter nach oben transportiert.

Die Campingplätze im Nationalpark bieten nicht die Vollausstattung, die man sonst gewöhnt ist. Generell hat man im Park Glück, wenn eine Toilette über Wasserspülung verfügt. Ansonsten ist es einfach ein Loch im Boden mit anatomisch geformten Sitz. Die Campingplätze haben fließendes Wasser, aber das kommt meistens direkt aus irgendeinem Bachlauf und hat entsprechend Bergquelltemperatur. Duschen gibt es generell keine – für mich als Warmduscher wäre das auch nichts. Dafür kann man im touristischen Zentrum „Yosemite Village“ duschen, und zwar für schlappe fünf Dollar. Krass überteuert, aber nach drei Tagen ohne Dusche die beste Investition seit langem :)

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An einem weiteren Regentag schreiben wir Postkarten und holen uns unsere „Wildernis Permit“ – die Lizenz zum Wildcampen. Wir mussten vorher schon genau angeben, auf welchem Pfad wir loswandern, unser Zelt aufschlagen, und wieder zurückkehren werden. Von zu Hause und ohne Ortskenntnis war das leicht geplant: hier ein bisschen am Fluss entlang, da mal einen Wasserfall anschauen, eine gute Aussicht über das ganze Tal soll es vom Glacier Point geben… Vor Ort, bei dem Wetter und nach unserer Grand-Canyon-Erfahrung bekommen wir jetzt doch etwas Muffensausen. Zwei Drittel Grand Canyon müssen wir immerhin noch mal erklimmen. Das schafft ihr schon, meint der Ranger. Und es ist ja auch nicht so heiß, wie im Canyon. Nein, denken wir uns, wahrscheinlich ist es sogar nass. Aber wir sind trotzdem entschlossen – mehr oder weniger.

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Am Tag der Wahrheit dann die erste Erleichterung: kein Regen, und ohne die sengende Sonne ist es wirklich nicht so anstrengend. Obwohl die Kletterei auf 700 Granitstufen entlang der Wasserfälle teilweise deutlich steiler ist als im Grand Canyon. Aber jede Stufe ist vergessen beim Anblick des Vernal Fall und des Nevada Fall, die laut brausend ihr Wasser über den Fels spucken. Wie mag das erst im Frühjahr sein, wenn der Merced River Hochwasser führt? Die Aussicht von oben ist nochbeeindruckender, reißender Wasserfall mit Blick über das Tal. Unbezahlbar!

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Wir laufen weiter auf dem Panorama-Trail, der seinen Namen auch verdient hat und die ganze Zeit einen Überblick über das sonnenbeschienene Yosemite Valley, die Wasserfälle und natürlich den stets präsenten Half Dome bietet. Nach einigen Auf- und Abstiegen und einer Begegnung mit einem Schwarzbär, der in 30 Meter Entfernung entspannt unseren Weg kreuzt, finden wir schließlich in Flussnähe einen Platz zum Zelten. Alles Essen und sonstige gutriechende Accessoires sind im Bear Canister, einem bärensicheren Behälter verstaut und ein guter Entfernung vom Zelt deponiert. Obwohl wir wissen, dass die Bären Angst vor Menschen haben und nur auf menschliche Nahrung aus sind, sind wir vorm Einschlafen etwas nervös. Zu gut wird einem im Park der Respekt vor der Spürnase der Bären eingebleut.

Dabei erweist sich die Angst als um unbegründet. Das einzige wilde Tier, das wir außer den zahlreichen Eichhörnchen und Salamandern und Vögeln sehen, ist ein Reh, dass in der Morgensonne den Ilillouette River ganz nah bei unserem Zeltplatz kreuzt.

Morgenstund hat Gold im Mund, und so gehen wir den letzten Aufstieg zum Glacier Point an. Zwei Stunden geht es stetig bergauf, bis wir am von Touristen belagerten Aussichtspunkt ankommen. Sie sind mit dem Bus gekommen und werfen uns angesichts unserer großen Wanderrucksäcke respektvolle Blicke zu. Mit manchen kommen wir ins Gespräch, vor allem Damen mittleren Alters sind immer sehr freundlich, heißen uns herzlich in ihrem Land willkommen, und beneiden uns um die abenteuerliche Wanderung. Wir beneiden Sie um den Bus.

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Nach einer guten Rast und vielen Ansel-Adams-Gedenk-Fotos geht es nur noch 4,8 Meilen auf sonnigem Pfad steil bergab zurück ins Tal. Recht erschöpft erreichen wir knapp drei Stunden späterser Auto, und just in dem Moment bricht ein Gewitter los. Einige Straßen im Tal überfluten sogar, und wir beschließen, vorzeitig abzureisen und die letzte Nacht im Zelt gegen ein Zimmer in einem Motel Richtung San Jose zu tauschen. Irgendwie haben wir auch das Gefühl, dass wir alles erlebt haben, was es in einer Woche im Yosemite zu erleben gibt.